Wer den russisch-ukrainischen Krieg ausschließlich am Morgen des 24. Februar 2022 beginnen lässt, bekommt eine einfache Geschichte: Russland marschiert in die Ukraine ein, und damit beginnt der Krieg.
Völkerrechtlich ist dieser Einschnitt tatsächlich eindeutig. Russland griff einen souveränen Staat an. Die UN-Generalversammlung verurteilte den russischen Angriff am 2. März 2022 mit großer Mehrheit als Aggression und verlangte den Rückzug der russischen Streitkräfte.
Historisch erklärt der 24. Februar 2022 jedoch nicht, warum sich Russland, die Ukraine und der Westen über Jahrzehnte immer tiefer in eine Konfrontation hineinbewegten.
Und dabei stößt man zwangsläufig auf eine Frage, die in der öffentlichen Debatte erstaunlich selten ausführlich behandelt wird:
Welche Rolle spielten Energie, Erdgas, Pipelines und der Kampf um den europäischen Energiemarkt?
Denn die Ukraine war nie nur irgendein Land zwischen Russland und der Europäischen Union. Sie war Transitland für russisches Gas, verfügte selbst über erhebliche Rohstoffvorkommen und wurde damit zu einem strategischen Schlüsselraum zwischen Russland und dem Westen.
1991: Die Ukraine wird unabhängig
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstand 1991 eine unabhängige Ukraine.
Das Land erbte gewaltige industrielle Strukturen, Bergbau, Schwerindustrie, Teile der sowjetischen Rüstungsindustrie und vor allem eine geographische Lage, die kaum strategischer hätte sein können.
Zwischen Russland und Mitteleuropa verliefen durch die Ukraine bedeutende Erdgasleitungen.
Damit entstand ein merkwürdiges Dreiecksverhältnis:
Russland verfügte über enorme Gasreserven.
Europa benötigte russisches Gas.
Und die Ukraine lag dazwischen.
Wer über europäische Energiesicherheit sprach, kam an der Ukraine kaum vorbei.
1997 bis 2008: Gleichzeitig nähert sich die NATO Russland
Parallel dazu veränderte sich die europäische Sicherheitsarchitektur.
1999 traten Polen, Tschechien und Ungarn der NATO bei.
2004 folgte die große Osterweiterung mit Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, der Slowakei und Slowenien.
Aus russischer Perspektive rückte damit ein ursprünglich gegen die Sowjetunion gegründetes Militärbündnis immer weiter nach Osten.
Der entscheidende Moment folgte 2008.
Auf dem NATO-Gipfel in Bukarest erklärten die Bündnisstaaten ausdrücklich, dass die Ukraine und Georgien Mitglieder der NATO werden sollen.
Damit war eine rote Linie formuliert, die Moskau anschließend immer wieder thematisierte.
Man kann die russische Interpretation dieser Entwicklung ablehnen. Man kann aber kaum bestreiten, dass die Frage der NATO-Erweiterung zu einem zentralen Bestandteil des Konfliktes wurde.
2010 bis 2013: Plötzlich wird die Ukraine auch als Gasproduzent interessant
Dann kam ein Faktor hinzu, über den wesentlich weniger gesprochen wird.
In der Ostukraine rückten riesige Schiefergasvorkommen in den Mittelpunkt.
Besonders bedeutend war das Juziwska- beziehungsweise Yuzivska-Gasfeld in den Regionen Donezk und Charkiw.
Ukrainische Schätzungen gingen zeitweise von bis zu vier Billionen Kubikmetern Gas aus. Allerdings handelte es sich um optimistische Ressourcenabschätzungen und keineswegs um vollständig nachgewiesene, wirtschaftlich förderbare Reserven.
Damit muss auch die gelegentlich verbreitete Behauptung relativiert werden, das Feld könne „Europa 60 Jahre lang versorgen“. Dafür gibt es keine belastbare Grundlage.
Aber selbst ein Bruchteil der optimistischen Schätzungen hätte enorme wirtschaftliche Bedeutung gehabt.
Die Ukraine verbrauchte damals große Mengen russischen Erdgases und wollte diese Abhängigkeit reduzieren.
Und genau hier kamen westliche Energiekonzerne ins Spiel.
Januar 2013: Janukowitsch unterschreibt mit Shell
An dieser Stelle muss eine verbreitete Darstellung korrigiert werden.
Der damalige ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch verhinderte die Beteiligung westlicher Energiekonzerne nicht.
Das Gegenteil geschah.
Am 24. Januar 2013 wurde in Davos unter seiner Präsidentschaft ein auf 50 Jahre angelegtes Production Sharing Agreement mit Royal Dutch Shell über das Juziwska-Feld geschlossen.
Das Investitionsvolumen wurde damals auf mindestens rund zehn Milliarden Dollar geschätzt. Unter besonders günstigen Voraussetzungen wurden sogar wesentlich höhere Summen diskutiert.
Im September 2013 folgte das operative Abkommen.
Shell sollte zunächst rund 500 Millionen Dollar in die Exploration investieren. Für die spätere Erschließung und Infrastruktur standen Größenordnungen von etwa zehn Milliarden Dollar im Raum.
Und es blieb nicht bei Shell.
November 2013: Chevron kommt hinzu
Am 5. November 2013 unterschrieb die Ukraine unter Janukowitsch zusätzlich ein milliardenschweres Schiefergasabkommen mit dem amerikanischen Konzern Chevron.
Janukowitsch erklärte damals selbst, die Projekte mit Chevron und Shell könnten dazu beitragen, dass die Ukraine ihren eigenen Erdgasbedarf künftig vollständig decke.
Das ist ein bemerkenswerter historischer Punkt.
Denn daraus folgt:
Die These
„Janukowitsch verweigerte amerikanischen Konzernen den Zugriff auf ukrainisches Gas und wurde deshalb gestürzt“
lässt sich in dieser Form nicht halten.
Seine Regierung hatte westlichen Energiekonzernen die Türen bereits geöffnet.
Doch damit verschwindet die geopolitische Bedeutung des ukrainischen Gases keineswegs.
Im Gegenteil.
Ein möglicher Konkurrent für russisches Gas
Man stelle sich vor, die optimistischen Prognosen von damals wären auch nur teilweise eingetreten.
Die Ukraine hätte ihren eigenen Gasbedarf erheblich stärker decken können.
Sie hätte weniger russisches Gas importieren müssen.
Möglicherweise hätte sie langfristig sogar Gas exportieren können.
Gleichzeitig verfügte sie bereits über eine umfangreiche Pipeline- und Speicherinfrastruktur.
Für Russland wäre das wirtschaftlich alles andere als bedeutungslos gewesen.
Russisches Erdgas war nicht nur eine Ware.
Es war Einnahmequelle, außenpolitisches Instrument und jahrzehntelang eines der wichtigsten wirtschaftlichen Bindeglieder zwischen Russland und Europa.
Eine Ukraine, die selbst zum bedeutenden Gasproduzenten geworden wäre und dabei eng mit westlichen Energiekonzernen kooperiert hätte, hätte die Kräfteverhältnisse auf dem europäischen Gasmarkt verändern können.
Das bedeutet nicht, dass damit der Krieg „wegen eines Gasfeldes“ erklärt wäre.
Aber zu behaupten, Energieinteressen hätten überhaupt keine Rolle gespielt, wäre ebenso naiv.
Ende 2013: Der Streit um die geopolitische Orientierung eskaliert
Im November 2013 setzte Janukowitsch die Unterzeichnung des geplanten Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union aus.
Es folgten die Maidan-Proteste.
Aus Demonstrationen entwickelte sich eine schwere politische Krise. Es kam zu Gewalt, Toten und schließlich im Februar 2014 zum Zusammenbruch der Regierung Janukowitsch.
Janukowitsch verließ Kiew und später das Land.
Das ukrainische Parlament erklärte ihn für faktisch nicht mehr in der Lage, sein Amt auszuüben, und setzte Neuwahlen an.
Bis heute stehen sich zwei Interpretationen dieses Ereignisses nahezu unversöhnlich gegenüber.
Für die westliche Darstellung war der Maidan eine demokratische Revolution gegen ein korruptes und zunehmend autoritäres System.
Für Russland war er ein vom Westen unterstützter Regimewechsel.
Dass westliche Staaten und insbesondere die USA erheblichen politischen Einfluss auf die Entwicklung der Ukraine ausübten, ist kein Geheimnis. Daraus folgt jedoch noch kein Beweis dafür, dass die CIA den Machtwechsel organisiert oder gesteuert hat.
Gerade diese Unterscheidung ist wichtig.
Westliche Einflussnahme ist dokumentierbar. Eine von der CIA gesteuerte Operation als feststehende historische Tatsache dagegen nicht.
2014: Die Ukraine zerbricht politisch
Danach überschlugen sich die Ereignisse.
Russland übernahm im März 2014 die Kontrolle über die Krim und annektierte sie.
Im Donbass entstanden bewaffnete separatistische Bewegungen.
Donezk und Lugansk wurden zum Zentrum eines Krieges, der eben nicht erst 2022 begann.
Die ukrainische Regierung startete ihre sogenannte „Anti-Terror-Operation“.
Russland unterstützte die separatistischen Kräfte politisch, materiell und militärisch.
Damit entwickelte sich ein Konflikt, in dem reguläre ukrainische Streitkräfte, separatistische Verbände, Freiwilligenformationen und russische Unterstützung ineinandergriffen.

Der vergessene Krieg von 2014 bis 2021
Dieser Krieg verschwand im Westen zunehmend aus den Schlagzeilen.
Für die Menschen im Donbass verschwand er allerdings nicht.
Wohnhäuser wurden getroffen.
Schulen wurden beschädigt.
Krankenhäuser gerieten unter Beschuss.
Menschen starben durch Artillerie, Minen und andere Explosivwaffen.
Die UN dokumentierte bis August 2016 bereits 9.578 Tote und 22.236 Verletzte unter Zivilisten, ukrainischen Streitkräften und bewaffneten Gruppen zusammen.
Ein UN-Bericht stellte fest, dass ein sehr großer Teil der zivilen Todesfälle durch wahllosen Beschuss von Wohngebieten verursacht worden war.
Dabei wäre es historisch falsch, sämtliche zivilen Opfer ausschließlich der ukrainischen Seite zuzuschreiben.
UN- und OSZE-Berichte dokumentierten Beschuss und Verstöße auf beiden Seiten der Kontaktlinie. So berichtete die UN beispielsweise über Angriffe auf zivile Gebiete und gleichzeitig über gegenseitige Schuldzuweisungen ukrainischer Kräfte und bewaffneter separatistischer Gruppen.
Aber genauso falsch ist die Vorstellung, im Donbass habe zwischen 2014 und 2022 praktisch Frieden geherrscht.
Dort wurde geschossen, gestorben und zerstört.
Jahrelang.
Minsk I und Minsk II
Im September 2014 wurde mit Minsk I versucht, den Krieg einzufrieren.
Das gelang nicht.
Im Februar 2015 folgte Minsk II.
Vorgesehen waren unter anderem Waffenruhe, Abzug schwerer Waffen und politische Schritte zur Regelung des Status bestimmter Gebiete im Donbass.
Doch die Vereinbarungen wurden nie vollständig umgesetzt.
Beide Seiten warfen sich gegenseitig Verstöße vor.
Damit entstand ein jahrelanger Schwebezustand:
kein Frieden,
aber auch kein vollständig erklärter zwischenstaatlicher Krieg.
Und genau dieser Zustand war gefährlich.

Gleichzeitig wird die ukrainische Armee grundlegend verändert
Nach 2014 begann eine umfassende Modernisierung der ukrainischen Streitkräfte.
NATO-Staaten bildeten ukrainische Soldaten aus, berieten die ukrainischen Sicherheitsinstitutionen und unterstützten Reformen bei Führung, Logistik, Cyberabwehr und Ausbildung.
Die NATO bestätigt heute selbst, dass vor 2022 Zehntausende ukrainische Soldaten durch NATO-Staaten ausgebildet wurden.
2016 wurde das Comprehensive Assistance Package geschaffen.
Damit wurde die Zusammenarbeit weiter institutionalisiert.
Die oft genannte Behauptung, die NATO habe vor 2022 „30 Milliarden Dollar für Festungsstädte im Donbass“ ausgegeben, lässt sich dagegen anhand öffentlich zugänglicher NATO-Unterlagen nicht belegen.
Belegt sind Ausbildung, Beratung, Ausrüstung und Unterstützung beim Aufbau militärischer Fähigkeiten.
Das ist bereits geopolitisch bedeutend genug. Man muss keine Zahlen erfinden, um daraus eine russische Bedrohungswahrnehmung erklären zu können.
Aus ukrainischer Sicht Verteidigung, aus russischer Sicht NATO-Vorfeld
Genau hier liegt eines der Grundprobleme dieses Krieges.
Was für die Ukraine die Modernisierung ihrer Verteidigungsfähigkeit war, erschien Russland zunehmend als militärische Integration eines unmittelbar angrenzenden Staates in westliche Strukturen.
Beide Wahrnehmungen existierten gleichzeitig.
Und beide Seiten zogen daraus völlig unterschiedliche Konsequenzen.
Die Ukraine sah Russland nach Krim und Donbass als existenzielle Bedrohung.
Russland sah eine immer stärker westlich ausgerüstete und ausgebildete Ukraine als strategische Bedrohung.
Damit entstand das klassische Sicherheitsdilemma:
Was die eine Seite als Verteidigung betrachtet, interpretiert die andere als Vorbereitung eines Angriffs.
2021: Die Lage verschärft sich erneut
Im Laufe des Jahres 2021 nahm die Spannung wieder erheblich zu.
Die OSZE registrierte weiterhin regelmäßig Verletzungen der Waffenruhe.
Am 25. November 2021 wurden beispielsweise innerhalb eines Berichtszeitraums 813 Waffenstillstandsverletzungen in der Region Donezk und 35 in Lugansk registriert.
Am 7. Dezember waren es 442 in Donezk und 178 in Lugansk.
Das war kein Frieden.
Gleichzeitig konzentrierte Russland immer größere Streitkräfte rund um die Ukraine.
Moskau verlangte Sicherheitsgarantien und insbesondere ein Ende der weiteren NATO-Ausdehnung.
Der Westen lehnte ein russisches Vetorecht über die Bündniswahl anderer Staaten ab.
Die diplomatischen Fronten verhärteten sich.
Februar 2022: Der endgültige Bruch
Am 21. Februar erkannte Russland die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk als unabhängige Staaten an.
Drei Tage später begann der großangelegte russische Angriff.
Putin berief sich dabei unter anderem auf Artikel 51 der UN-Charta und auf kollektive Selbstverteidigung zugunsten von Donezk und Lugansk.
Hier muss jedoch eine weitere Behauptung aus der Ausgangsthese korrigiert werden.
Es handelt sich nicht um „Artikel 51 des UN-Menschenrechtsrats“.
Gemeint ist Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen.
Dieser erlaubt individuelle oder kollektive Selbstverteidigung, wenn ein Mitgliedstaat bewaffnet angegriffen wird.
Russland berief sich darauf.
Die internationale Mehrheit akzeptierte diese Rechtsauffassung jedoch nicht.
Die UN-Generalversammlung verurteilte den russischen Angriff ausdrücklich als Verstoß gegen die UN-Charta.
Deshalb kann man seriös schreiben:
Russland begründete seinen Angriff mit Artikel 51.
Man kann aber nicht als unstrittige Tatsache behaupten:
Der Angriff sei deshalb vollkommen völkerrechtskonform gewesen.
Genau das ist international gerade nicht die überwiegende Rechtsauffassung.
Und damit zurück zum Gas
Trotzdem bleibt die Energiefrage bemerkenswert.
Wo befindet sich das Juziwska-Gebiet?
Im Osten der Ukraine.
Wo liegt ein großer Teil der ukrainischen Schwerindustrie?
Im Osten.
Wo verlief seit 2014 die militärische Konfrontationslinie?
Im Donbass.
Und welches Land war jahrzehntelang Europas wichtigster externer Erdgaslieferant?
Russland.
Das macht Energie zu einem relevanten Teil der geopolitischen Gemengelage.
Aber eben zu einem Teil, nicht zur magischen Erklärung für alles.
Die Vereinigten Staaten hatten zweifellos ein strategisches Interesse daran, Europas Abhängigkeit von russischer Energie zu reduzieren. Russland wiederum hatte ein offensichtliches Interesse daran, seinen wichtigsten Absatzmarkt und seinen politischen Einfluss über Energielieferungen zu erhalten.
Die Ukraine hatte ein drittes Interesse:
Sie wollte selbst unabhängiger von russischem Gas werden.
Damit standen drei energiepolitische Interessen gegeneinander.
Nord Stream verschärfte den Konflikt zusätzlich
Hinzu kam ein weiteres Problem.
Mit Nord Stream konnte russisches Gas Deutschland zunehmend direkt erreichen, ohne durch die Ukraine transportiert werden zu müssen.
Für die Ukraine bedeutete das nicht nur weniger Transitgebühren.
Es verringerte auch ihre strategische Bedeutung als Energiekorridor zwischen Russland und Europa.
Damit wurde Energiepolitik endgültig zu Geopolitik.
Washington bekämpfte Nord Stream 2 massiv.
Deutschland hielt lange daran fest.
Polen und die Ukraine lehnten die Pipeline ebenfalls ab.
Russland wollte sie unbedingt.
Wer behauptet, Energie habe mit der geopolitischen Konfrontation überhaupt nichts zu tun gehabt, müsste erklären, warum Regierungen jahrelang mit solcher Härte um Pipelines, Transitwege, Flüssiggas und Lieferverträge kämpften.
Die unbequeme Wahrheit liegt zwischen den Propagandageschichten
Der Ukrainekrieg lässt sich nicht mit einem einzigen Satz erklären.
Nicht mit:
„Putin wollte einfach die Ukraine erobern.“
Aber ebenso wenig mit:
„Die CIA stürzte Janukowitsch, weil er amerikanischen Konzernen das Gas verweigerte.“
Die Geschichte ist komplizierter und gerade deshalb interessanter.
Seit den 1990er-Jahren überlagerten sich mehrere Konflikte:
- die NATO-Osterweiterung,
- Russlands Anspruch auf eine eigene sicherheitspolitische Einflusssphäre,
- die Westorientierung eines Teils der ukrainischen Gesellschaft,
- die Russlandorientierung anderer Landesteile,
- der Machtkampf ukrainischer Oligarchen,
- die Krim,
- der Donbass,
- die nicht umgesetzten Minsker Vereinbarungen,
- westliche Militärhilfe,
- russische Unterstützung der Separatisten,
- Pipelinepolitik,
- Erdgas,
- Schiefergas,
- Transitgebühren
und schließlich die Frage, ob die Ukraine dauerhaft Teil einer westlichen oder russisch geprägten Sicherheitsordnung sein sollte.
Das alles explodierte nicht plötzlich am 24. Februar 2022.
Es hatte sich über Jahre aufgeschichtet.
Der Preis
Das Ergebnis ist eine Katastrophe.
Hunderttausende Menschen wurden getötet oder verwundet.
Millionen verloren ihre Heimat.
Städte wurden zerstört.
Die ukrainische Bevölkerung ist durch Krieg, Flucht, Vertreibung und langfristige demographische Entwicklungen massiv geschrumpft.
Russland hat ebenfalls enorme menschliche und wirtschaftliche Verluste erlitten.
Europa trägt gewaltige finanzielle Belastungen und hat seine Energieversorgung grundlegend umgebaut.
Die Vereinigten Staaten und die europäischen Staaten haben inzwischen Summen in dreistelliger Milliardenhöhe für militärische, finanzielle und humanitäre Unterstützung mobilisiert.
Und das Gas?
Das liegt zu einem erheblichen Teil noch immer unter der Erde.

Fazit: Wer nur auf den 24. Februar schaut, versteht die Vorgeschichte nicht
Der russische Angriff von 2022 bleibt ein militärischer Angriff auf einen souveränen Staat. Das sollte man nicht verdrehen.
Aber daraus folgt nicht, dass die Vorgeschichte bedeutungslos wäre.
Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, muss weiter zurückgehen:
1991: Zerfall der Sowjetunion.
1999 und 2004: NATO-Osterweiterungen.
2008: NATO-Perspektive für Ukraine und Georgien.
2010er-Jahre: Entdeckung und Neubewertung großer ukrainischer Gasvorkommen.
2013: Milliardenverträge mit Shell und Chevron.
2013/14: Maidan und Sturz der politischen Ordnung unter Janukowitsch.
2014: Krim und Beginn des Donbasskrieges.
2014/15: Minsk I und Minsk II.
2014–2021: Tausende Tote, Artilleriebeschuss und ein eingefrorener, aber niemals beendeter Krieg.
2014–2021: zunehmende militärische Zusammenarbeit zwischen Ukraine und NATO-Staaten.
2021: erneute militärische Eskalation und russischer Truppenaufmarsch.
Februar 2022: Anerkennung von Donezk und Lugansk durch Russland.
24. Februar 2022: russischer Großangriff.
Der Kampf um Gas war nicht „der eine wahre Grund“ des Ukrainekrieges.
Aber Energie war ein wichtiger Stein in einem wesentlich größeren geopolitischen Mosaik.
Und genau darin liegt die interessantere Frage:
Ging es jemals ausschließlich um Demokratie, Menschenrechte und territoriale Integrität? Oder kämpften Großmächte zugleich um Einflusszonen, Militärbündnisse, Rohstoffe, Pipelines und einen der wichtigsten Energiemärkte der Welt?
Wer internationale Politik kennt, dürfte zumindest misstrauisch werden, sobald Großmächte behaupten, Milliardeninvestitionen, Erdgasfelder, Pipelines und strategische Einflusszonen hätten mit einem Konflikt selbstverständlich überhaupt nichts zu tun.
Denn Staaten führen Außenpolitik selten aus Nächstenliebe.
Und Großmächte schon gar nicht.
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