Der Iran hat auf dem BRICS-Gipfel in Neu-Delhi Vorschläge vorgelegt, deren Bedeutung weit über eine weitere Debatte über nationale Währungen hinausgeht. Besonders die geplante gemeinsame Rückversicherung mit einem Startkapital von zehn Milliarden US-Dollar könnte zu einem wichtigen Baustein einer eigenständigeren Wirtschafts- und Finanzarchitektur der BRICS werden. Sollte aus den Vorschlägen Realität werden, würde das Bündnis einen erheblichen Schritt von der politischen Kooperation hin zu konkreten wirtschaftlichen Institutionen machen.
Der entscheidende Punkt der iranischen Initiative liegt nämlich nicht darin, einfach nur weniger Dollar verwenden zu wollen. Teheran denkt wesentlich umfassender.
Präsident Masud Pezeshkian forderte beim BRICS Business Forum in Neu-Delhi eine stärkere Verwendung nationaler Währungen, Mechanismen zur Absicherung von Währungsrisiken, eine engere Verzahnung der Zollsysteme, weniger regulatorische Hindernisse und einen Ausbau grenzüberschreitender Märkte. Gleichzeitig soll die Neue Entwicklungsbank der BRICS eine wesentlich größere Rolle bei der Finanzierung von Energie- und Infrastrukturprojekten übernehmen.
Der bemerkenswerteste Vorschlag ist jedoch die Gründung einer gemeinsamen BRICS-Rückversicherungsgesellschaft mit einem Anfangskapital von zehn Milliarden Dollar. Sie soll insbesondere große Infrastruktur- und Energieprojekte absichern und dadurch auch privates Kapital mobilisieren. Mehrere voneinander unabhängige Berichte bestätigen diesen Vorschlag.
Warum gerade die Rückversicherung so wichtig ist
Auf den ersten Blick klingt „Rückversicherung“ ungefähr so aufregend wie eine mehrstündige Sitzung über die Neufassung einer Zolltarifordnung. Tatsächlich steckt dahinter aber ein strategisch ausgesprochen wichtiger Bereich der Weltwirtschaft.
Große Projekte brauchen nicht nur Kredite. Ein Kraftwerk, eine Pipeline, ein Hafen, eine Eisenbahnstrecke, ein Tanker oder eine Industrieanlage muss gegen erhebliche Risiken versichert werden. Versicherungsunternehmen wiederum geben einen Teil besonders großer Risiken an Rückversicherer weiter.
Genau hier entsteht Abhängigkeit.
Ein Staat kann also theoretisch über eigene Banken verfügen, seine Waren in nationalen Währungen bezahlen und sogar alternative Zahlungssysteme betreiben. Wenn jedoch ein Milliardenprojekt nicht ausreichend versichert oder rückversichert werden kann, können Finanzierung, Transport und Investitionen trotzdem erheblich erschwert werden.
Deshalb ist der iranische Vorschlag strategisch wesentlich interessanter, als die etwas trockene Bezeichnung „BRICS-Rückversicherungsgesellschaft“ vermuten lässt.
BRICS würde damit versuchen, nicht nur einen alternativen Zahlungsweg aufzubauen, sondern einen weiteren Bestandteil der finanziellen Infrastruktur selbst bereitzustellen.
Nicht ein Instrument, sondern ein ganzes System
Genau in der Kombination liegt die Stärke des iranischen Konzepts.
Nationale Währungen allein lösen das Problem nicht. Eine BRICS-Bank allein löst es ebenfalls nicht. Und eine Rückversicherung allein wäre wiederum nur ein einzelner Baustein.
Zusammen ergibt sich jedoch eine bemerkenswerte Architektur:
Handel in nationalen Währungen → Absicherung von Wechselkursrisiken → Finanzierung durch die Neue Entwicklungsbank → Garantien für Investoren → BRICS-eigene Rückversicherung → engere Zoll- und Handelsintegration.
Damit entsteht zumindest konzeptionell ein Kreislauf, der wesentlich weniger auf Institutionen außerhalb der BRICS-Staaten angewiesen wäre.
Und genau das könnte die eigentliche langfristige Bedeutung der iranischen Initiative sein.
Pezeshkian fordert ausdrücklich, BRICS von einer überwiegend rohstoff- und handelsorientierten Kooperation zu einem Netzwerk gemeinsamer Wertschöpfungs- und Produktionsketten weiterzuentwickeln. Dazu sollen digitalisierte Zollverfahren, gemeinsame Standards und grenzüberschreitende Investitionen beitragen.
Die Neue Entwicklungsbank könnte zum Zentrum werden
Eine Schlüsselrolle würde dabei der New Development Bank zukommen.
Der Iran möchte die Bank stärker für Infrastruktur- und Energieprojekte einsetzen, einschließlich Krediten in nationalen Währungen und Garantieinstrumenten, mit denen zusätzlich privates Kapital mobilisiert werden kann.
Das ist wirtschaftlich entscheidend.
Denn eine Alternative zum bestehenden internationalen Finanzsystem entsteht nicht dadurch, dass man auf einem Gipfel erklärt, unabhängiger werden zu wollen. Sie entsteht erst dann, wenn ein Unternehmer tatsächlich eine Fabrik finanzieren, ein Energieunternehmen eine Pipeline versichern und ein Exporteur seine Rechnung begleichen kann, ohne für jeden dieser Schritte zwingend auf dieselben externen Institutionen angewiesen zu sein.
Der Iran schlägt damit im Grunde vor, genau diese Lücken Stück für Stück zu schließen.
Keine BRICS-Weltwährung erforderlich
Interessanterweise braucht BRICS dafür nicht einmal jene gemeinsame Währung, über die seit Jahren spekuliert wird.
Das gegenwärtig diskutierte Modell ist wesentlich pragmatischer: nationale Währungen sollen stärker verwendet und nationale Zahlungs- und Nachrichtensysteme besser miteinander verbunden werden. Auch die Gipfelerklärung von Neu-Delhi unterstützt eine stärkere Nutzung lokaler Währungen und eine größere Interoperabilität der Zahlungssysteme.
Das könnte realistischer sein als der sofortige Versuch, eine Art „BRICS-Euro“ aus dem Boden zu stampfen.
Denn eine gemeinsame Währung zwischen wirtschaftlich und geldpolitisch derart unterschiedlichen Staaten wie China, Indien, Brasilien, Russland, Iran oder Südafrika wäre ein gigantisches Projekt.
Für direkten Handel braucht man sie aber gar nicht zwingend.
Wenn beispielsweise indische und iranische Unternehmen Zahlungen in Rupien und Rial abwickeln können, entsprechende Wechselkursrisiken abgesichert werden, Banken miteinander verrechnen können und Investitionen über BRICS-Institutionen finanziert und versichert werden, nimmt die Bedeutung einer dritten Währung automatisch ab.
Das Zehn-Milliarden-Dollar-Signal
Natürlich muss man die Dimensionen einordnen. Zehn Milliarden Dollar Startkapital würden nicht ausreichen, um plötzlich sämtliche großen Projekte der BRICS-Welt abzusichern.
Aber darum geht es zunächst auch gar nicht.
Entscheidend wäre die institutionelle Grundlage.
Eine gemeinsame Rückversicherung könnte später Kapital erhöhen, Risiken verteilen, nationale Versicherer einbinden und zusätzliche Garantien entwickeln. Vor allem könnte sie Investoren signalisieren, dass BRICS nicht nur über wirtschaftliche Souveränität spricht, sondern beginnt, dafür eigene Instrumente aufzubauen.
Und genau an dieser Stelle unterscheidet sich Pezeshkians Vorschlag von vielen großen geopolitischen Erklärungen.
Er ist konkret.
Zehn Milliarden Dollar. Eine gemeinsame Gesellschaft. Ein definierter Aufgabenbereich.
Damit lässt sich arbeiten.
Iran bringt seine eigenen Erfahrungen ein
Dass gerade der Iran einen solchen Vorschlag macht, überrascht kaum.
Kaum ein BRICS-Mitglied hat über einen derart langen Zeitraum Erfahrungen damit gesammelt, was geschieht, wenn Banken, Zahlungsverkehr, Versicherungen, Energiehandel und internationale Finanzierung gleichzeitig unter politischen Druck geraten.
Aus iranischer Sicht lautet die Schlussfolgerung deshalb offenbar: Wirtschaftliche Souveränität besteht nicht darin, Sanktionen irgendwie auszuhalten. Man muss Strukturen schaffen, über die wirtschaftliche Beziehungen auch dann weiter funktionieren können, wenn externe Akteure bestimmte Finanzwege beschränken.
Pezeshkian formulierte entsprechend, die starke Konzentration des internationalen Finanzsystems auf wenige Währungen mache dieses anfällig für politische Schocks.
Diese Sichtweise muss man nicht politisch teilen, um die ökonomische Logik dahinter zu erkennen.
Aus BRICS könnte tatsächlich eine wirtschaftliche Institutionengemeinschaft werden
Hier liegt möglicherweise die wichtigste Entwicklung des Gipfels.
BRICS ist längst größer geworden. Aber Mitgliederzahl allein schafft noch keine Macht. Elf Staaten mit unterschiedlichen Interessen bleiben elf Staaten mit unterschiedlichen Interessen. Auch innerhalb des Bündnisses existieren erhebliche politische und wirtschaftliche Gegensätze. Indien und China etwa verfolgen keineswegs überall dieselben strategischen Ziele.
Die eigentliche Stärke entsteht deshalb nicht durch immer neue Gipfelfotos, sondern durch Institutionen, die den Mitgliedern einen konkreten wirtschaftlichen Nutzen bieten.
Eine Entwicklungsbank ist eine solche Institution.
Gemeinsame Zahlungssysteme könnten eine weitere werden.
Eine BRICS-Rückversicherung wäre die nächste.
Gemeinsame Zollstandards, Garantiesysteme, Kreditlinien und grenzüberschreitende Investitionsmechanismen würden weitere Elemente hinzufügen.
Dann würde aus BRICS schrittweise etwas anderes: ein eigener wirtschaftlicher Raum mit zunehmend eigener finanzieller Infrastruktur.
Genau deshalb sind die iranischen Vorschläge so weitreichend
Der Iran hat in Neu-Delhi letztlich eine einfache Frage gestellt:
Was nützt politische Unabhängigkeit, wenn Finanzierung, Zahlungsverkehr, Versicherung und Investitionen weiterhin von Institutionen abhängen, auf die man selbst kaum Einfluss besitzt?
Die vorgeschlagene Antwort lautet nicht Abschottung, sondern Parallelstrukturen.
BRICS müsste dafür das bestehende Weltfinanzsystem nicht vollständig ersetzen. Schon die Existenz funktionsfähiger Alternativen würde die Verhandlungsmacht seiner Mitglieder erhöhen.
Und darin liegt die vielleicht größte Bedeutung der iranischen Initiative.
Wenn Unternehmen wissen, dass neben westlichen Banken, Versicherern und Zahlungssystemen ein zweiter belastbarer institutioneller Weg existiert, verändert sich die wirtschaftliche Machtbalance bereits.
Die entscheidende Frage nach Neu-Delhi lautet deshalb nicht mehr, ob BRICS größer werden kann. Das hat das Bündnis längst bewiesen.
Die entscheidende Frage lautet:
Kann BRICS aus seiner politischen und wirtschaftlichen Größe nun eigene Institutionen machen?
Der Iran hat dafür einen erstaunlich konkreten Bauplan vorgelegt.
Sollten die anderen Mitgliedstaaten diesen Weg tatsächlich mitgehen, könnte die vorgeschlagene Rückversicherung eines Tages als wesentlich bedeutender gelten als ihr heute ziemlich technokratisch klingender Name vermuten lässt. Denn zusammen mit nationalen Währungen, eigenen Zahlungswegen und einer gestärkten Entwicklungsbank würde sie etwas schaffen, das BRICS bislang nur teilweise besitzt:
eine wirtschaftliche Infrastruktur, die nicht bei jedem politischen Konflikt von außen abgeschaltet werden kann.
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