Es ist eines der bemerkenswertesten geopolitischen Phänomene der vergangenen Jahre: Während Europa und die USA in Teilen Afrikas politisch an Einfluss verlieren, gelingt es Russland, neue Partnerschaften aufzubauen oder bestehende Beziehungen erheblich zu vertiefen.
Besonders sichtbar ist das im Sahel. Mali, Burkina Faso und Niger haben ihre Beziehungen zu Frankreich und anderen westlichen Staaten drastisch zurückgefahren und zugleich die Zusammenarbeit mit Moskau intensiviert. Russland baut dort inzwischen über das staatlich kontrollierte Africa Corps seine militärische Präsenz aus.
Man kann das als russische Machtpolitik abtun. Natürlich verfolgt Moskau Interessen. Staaten betreiben Außenpolitik schließlich selten aus Nächstenliebe. Die interessantere Frage lautet deshalb:
Warum findet das russische Angebot überhaupt so viele Abnehmer?
Der entscheidende Unterschied heißt Wahrnehmung
Der Westen spricht gern von einer „regelbasierten internationalen Ordnung“, von Demokratie, Menschenrechten und „unseren Werten“. Das Problem beginnt dort, wo afrikanische Staaten den Eindruck gewinnen, dass diese Regeln vor allem von anderen einzuhalten sind.
Viele afrikanische Gesellschaften haben Kolonialismus, wirtschaftliche Abhängigkeit und politische Einmischung nicht aus Geschichtsbüchern kennengelernt. Frankreich herrschte über große Teile West- und Zentralafrikas, Belgien über den Kongo, Großbritannien über riesige Gebiete des Kontinents.
Diese Geschichte ist politisch keineswegs verschwunden.
Und dann erscheint Russland.
Nicht als ehemaliger Kolonialherr großer afrikanischer Territorien, sondern mit einer historischen Erzählung, die an die sowjetische Unterstützung antikolonialer Bewegungen anknüpft. Moskau nutzt dieses Kapital heute ausgesprochen geschickt.
Seine Botschaft lautet sinngemäß:
Ihr entscheidet, welches politische System ihr wollt. Ihr entscheidet, mit wem ihr Handel treibt. Ihr entscheidet, welche Sicherheitskooperation ihr eingeht. Wir reden mit euch als souveränen Staaten.
Genau diese Sprache findet Resonanz.
Russland verkauft keine Wohltätigkeit, sondern Interessen
Das vielleicht Erfolgreichste an der russischen Strategie ist gerade, dass sie gar nicht besonders romantisch daherkommt.
Russland bietet Waffen, militärische Ausbildung, Energieprojekte, Rohstoffkooperation, Getreide, Universitätsplätze und politische Zusammenarbeit. Dafür erwartet Moskau wirtschaftlichen Zugang, diplomatische Unterstützung und strategischen Einfluss.
Geschäft gegen Geschäft. Interesse gegen Interesse.
Das klingt weniger edel als „wertebasierte Außenpolitik“. Für manche Regierungen wirkt es aber berechenbarer.
Ägyptens Kernkraftwerk El Dabaa, das mit russischer Beteiligung entsteht, ist dafür ein besonders sichtbares Symbol. Gleichzeitig wächst die Bildungskooperation. Neuere Angaben sprechen von rund 35.000 afrikanischen Studierenden im russischen Hochschulsystem.
Auch die politischen Kontakte werden institutionalisiert. Beim Russland-Afrika-Gipfel 2023 waren je nach Zählweise Delegationen aus 48 beziehungsweise 49 afrikanischen Staaten vertreten. Allerdings muss man eine gern unterschlagene Einschränkung hinzufügen: Nur 17 Staatschefs kamen persönlich. Das war deutlich weniger als 2019.
Von einem vollständigen russischen „Durchmarsch“ durch Afrika kann also keine Rede sein.
Aber von einem bemerkenswerten geopolitischen Geländegewinn in bestimmten Regionen sehr wohl.

Der Westen verwechselt Partnerschaft zu häufig mit Unterricht
Hier liegt möglicherweise sein größtes Problem.
Europäische Politiker reisen nach Afrika und erklären dort gern, welche Regierungsführung, Energiepolitik, Klimapolitik oder gesellschaftlichen Standards sie erwarten.
Das kann inhaltlich durchaus gut begründet sein.
Diplomatisch ist es trotzdem manchmal erstaunlich ungeschickt.
Denn ein souveräner Staat möchte nicht behandelt werden wie ein Schüler, dessen Hausaufgaben in Brüssel, Paris, Berlin oder Washington korrigiert werden.
Deutschland begeht dabei einen ähnlichen Fehler wie andere westliche Staaten: Die eigene politische Moral wird schnell zum universellen Maßstab erklärt.
Und dann wundert man sich, wenn andere Länder darauf ungefähr so begeistert reagieren wie Erwachsene auf ungefragte Erziehungstipps.
Russland präsentiert sich dagegen demonstrativ anders.
Nicht: Wir erklären euch, wie ihr werden müsst.
Sondern: Was braucht ihr, und was können wir miteinander vereinbaren?
Ob Moskau diesem Anspruch immer gerecht wird, ist eine andere Frage. Aber geopolitisch zählt nicht nur die Wirklichkeit. Es zählt auch, wie eine Partnerschaft vom Gegenüber wahrgenommen wird.
Auch Russland ist kein selbstloser Freund Afrikas
Wer daraus allerdings die Geschichte vom uneigennützigen Russland und dem ausschließlich neokolonialen Westen macht, ersetzt lediglich westliche Propaganda durch russische.
Russland verfolgt knallharte eigene Interessen.
Sein wirtschaftlicher Fußabdruck bleibt zudem erheblich kleiner, als die politische Aufmerksamkeit vermuten lässt. Analysen zeigen beispielsweise für das südliche Afrika weiterhin eine vergleichsweise geringe russische Bedeutung gegenüber China und der EU.
Auch Russlands Rolle im Sicherheitsbereich ist umstritten. Kritiker werfen russischen beziehungsweise ehemals Wagner-nahen Strukturen schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Und nicht jede russische Ankündigung wurde anschließend in gleichem Umfang umgesetzt.
Gerade deshalb ist die Entwicklung so interessant:
Russland muss wirtschaftlich nicht einmal stärker sein als der Westen, um politisch Boden gutzumachen.
Es muss lediglich als attraktivere Alternative wahrgenommen werden.
Afrika hat längst verstanden, dass eine multipolare Welt Möglichkeiten schafft
Vielleicht betrachtet der Westen die Entwicklung ohnehin aus der falschen Perspektive.
Afrikanische Staaten „wechseln“ nicht zwangsläufig vom Westen zu Russland.
Viele betreiben etwas wesentlich Klügeres:
Sie diversifizieren.
China für Infrastruktur.
Russland für Sicherheit, Energie oder Rohstoffprojekte.
Europa für Handel und Investitionen.
Die Golfstaaten für Kapital.
Indien für Technologie und Handel.
Die USA dort, wo amerikanische Angebote attraktiv sind.
Das ist keine Unterwerfung unter Moskau. Es ist strategische Eigenständigkeit.
Und genau darin liegt die eigentliche afrikanische Wende.
Wer ständig von Augenhöhe spricht, sollte gelegentlich auch dort stehen
Der Westen besitzt weiterhin gewaltige Vorteile: Kapital, Technologie, Absatzmärkte, Entwicklungshilfe, Universitäten und enorme wirtschaftliche Verflechtungen. Russland kann das in seiner Gesamtheit nicht ersetzen.
Aber Macht allein schafft kein Vertrauen.
Wer seinen Partnern ständig erklärt, welche Werte sie übernehmen, welche Regierungen sie bilden, mit welchen Staaten sie Handel treiben und welche außenpolitischen Positionen sie vertreten sollen, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann jemand anderes durch die Tür kommt und sagt:
„Wir müssen uns nicht lieben. Wir müssen Geschäfte miteinander machen können.“
Das ist vielleicht das Geheimnis des russischen Erfolgs in Teilen Afrikas.
Nicht irgendeine mystische Begeisterung für Putin.
Nicht eine plötzliche Russifizierung des Kontinents.
Sondern etwas viel Banaleres:
Viele afrikanische Staaten wollen endlich selbst entscheiden, wer ihre Partner sind.
Russland hat diese Stimmung früher erkannt als große Teile Europas.
Und während Berlin, Paris und Washington noch darüber diskutieren, warum ihre „Werte“ nicht automatisch Dankbarkeit erzeugen, entsteht längst eine multipolare Ordnung, in der afrikanische Staaten ihre eigenen Interessen wesentlich selbstbewusster vertreten.
Der Westen verliert deshalb nicht zwangsläufig Afrika an Russland.
Er verliert vielmehr seinen früheren Anspruch darauf, dass Afrika sich selbstverständlich nach dem Westen richtet.
Und möglicherweise ist genau das der historische Wandel, den man in Europa noch immer nicht verstanden hat.
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