Es gibt politische Eigentore. Es gibt peinliche Wahlkampfpannen. Und dann gibt es Dinge, bei denen man sich ernsthaft fragt, wie viele Menschen eine Kampagne eigentlich abnicken können, ohne dass irgendwann einer von ihnen fünf Minuten lang eine Suchmaschine benutzt.
Die SPD Sachsen-Anhalt zieht unter dem Motto „Wir sind der Deich“ in den Wahlkampf. Der Deich soll dabei die demokratische Mitte symbolisieren, die eine angebliche „blaue Überflutung“ durch die AfD aufhalten soll. SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann erklärte bei der Vorstellung der Kampagne: „Wenn der Deich bricht, trifft es alle.“
Das soll offenbar die große antifaschistische Botschaft des Wahlkampfes sein.
Dummerweise besitzt ausgerechnet „Wir sind der Deich“ eine ziemlich unangenehme historische Vorgeschichte.

Ein Satz aus einem Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes
1936 schrieb Wilhelm „Will“ Decker das Lied „Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen“. Es gehörte später zu den Pflichtliedern des Reichsarbeitsdienstes. Ein erhaltenes Liederblatt aus der NS-Zeit nennt ausdrücklich:
„Dichtung und Weise: Will Decker, 1936.“
Und bereits in der ersten Strophe findet sich die entscheidende Formulierung. Dort heißt es unter anderem:
„… wir sind der Deich …“
Der restliche Text macht deutlich, dass damit Reich, Volk, Arbeit und die nationalsozialistische Gemeinschaftsideologie miteinander verbunden werden. In der zweiten Strophe wird der Staat mit Zukunft, Leben, Ehre und Tat verknüpft. Die dritte Strophe geht noch einen entscheidenden Schritt weiter: Sie beschwört ausdrücklich die Gefolgschaft gegenüber dem „Führer“ bis zum Tod.
Wir reden also nicht über irgendein zufälliges Volkslied, bei dem irgendwann einmal ein Nationalsozialist dieselben vier Wörter benutzt hat.
Wir reden über ein 1936 geschriebenes Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes.
Und wer war Wilhelm Decker?

Hier wird die Angelegenheit für die SPD endgültig grotesk.
Wilhelm Decker war kein unpolitischer Heimatdichter, dessen Werk zufällig von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde.
Er war selbst NSDAP-Politiker und hoher Funktionär des nationalsozialistischen Reichsarbeitsdienstes.
Decker trat 1929 in die NSDAP ein, wurde Gau- und Reichsredner und saß von 1930 bis 1945 im Reichstag. 1933 stimmte er dem Ermächtigungsgesetz zu, das eine zentrale juristische Grundlage für Hitlers Diktatur bildete.
1935 wurde er Generalarbeitsführer im Reichsarbeitsdienst, später ständiger Vertreter des RAD-Führers Konstantin Hierl. 1939 erhielt er das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP.
Noch deutlicher wird seine geistige Heimat durch seine eigene Tätigkeit.
Das Bundesarchiv dokumentiert eine Rede Deckers von 1939, in der er den Reichsarbeitsdienst ausdrücklich als „nationalsozialistische Schule der Nation“ beschreibt und dessen Aufgabe darin sieht, die deutsche Jugend im Geist des Nationalsozialismus zu erziehen.
Von einem bloßen Mitläufer kann man hier also schwerlich sprechen.
Dieser Mann half dabei, nationalsozialistische Ideologie zu verbreiten und junge Menschen entsprechend zu erziehen.
Und ausgerechnet aus seinem Lied übernimmt die SPD nun „Wir sind der Deich“ für einen Wahlkampf gegen rechts.
Das muss man erst einmal hinbekommen.
Die Verteidigung macht es kaum besser
Die SPD erklärt inzwischen, die Deich-Metapher habe eine eigenständige Verwendungsgeschichte. Man verweist unter anderem auf die Oderflut 1997 und darauf, dass auch die „Omas gegen Rechts“ die Formulierung benutzt hätten. Das NS-Lied sei der Partei bislang unbekannt gewesen.
Das ist als Erklärung nachvollziehbar.
Als Entschuldigung für professionelle politische Kommunikation ist es allerdings ziemlich dünn.
Denn selbstverständlich gehören Wörter wie „Deich“ niemandem. Auch die Formulierung „Wir sind der Deich“ ist dadurch nicht für alle Zeiten nationalsozialistisch kontaminiert. Tatsächlich wurde die Wendung nachweislich auch unabhängig vom Nationalsozialismus verwendet, etwa im Zusammenhang mit dem Oderhochwasser 1997.
Genau deshalb sollte man der SPD nicht unterstellen, bewusst NS-Propaganda verbreiten zu wollen.
Das wäre sachlich unseriös.
Der Vorwurf lautet vielmehr: Wie kann eine Partei, die bei politischen Gegnern regelmäßig historische Sprache, Begriffe und vermeintliche Anspielungen auf die NS-Zeit untersucht, ausgerechnet ihre eigene zentrale Wahlkampfparole nicht überprüfen?
Das ist die eigentliche politische Peinlichkeit.
Man stelle sich nur einmal die Rollen vertauscht vor
Was wäre geschehen, wenn die AfD einen Wahlkampf mit einer nahezu wörtlichen Zeile aus einem Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes geführt hätte?
Und wenn anschließend herausgekommen wäre, dass dessen Verfasser NSDAP-Reichstagsabgeordneter, Generalarbeitsführer, Träger des Goldenen Parteiabzeichens und Propagandist nationalsozialistischer Erziehung gewesen war?
Die Antwort dürfte niemanden überfordern.
Es gäbe Talkshows, Leitartikel, Historikerinterviews und vermutlich innerhalb weniger Stunden die ersten Forderungen nach Beobachtung, Rücktritt und Distanzierung.
Bei der SPD soll dagegen gelten: Wir meinten einen ganz anderen Deich.
Das kann sogar stimmen.
Es macht die Sache nur nicht weniger dumm.
Wer ständig Geschichtsunterricht erteilt, sollte gelegentlich selbst das Buch aufschlagen
Politik lebt auch von Glaubwürdigkeit.
Wer sich selbst zum Bollwerk gegen rechts erklärt und seine politische Konkurrenz regelmäßig wegen historisch belasteter Formulierungen angreift, legt an sich selbst zwangsläufig einen besonders hohen Maßstab an.
Dann sollte man vor dem Druck tausender Plakate vielleicht überprüfen, ob der zentrale Slogan nicht ausgerechnet prominent in einem nationalsozialistischen Pflichtlied vorkommt.
Zumal dessen Verfasser nicht irgendein unbekannter Komponist war, sondern ein überzeugter Funktionär des Systems.
Die SPD wollte mit ihrem Deich offenbar zeigen:
Wir schützen die Demokratie vor rechts.
Herausgekommen ist unfreiwillig eine ganz andere Botschaft:
Wir kennen unsere eigene Parole nicht.
Das ist nicht der Beweis dafür, dass die SPD nationalsozialistisches Gedankengut vertritt. Eine solche Behauptung wäre Unsinn.
Es ist aber ein beeindruckender Beweis dafür, wie schnell moralische Überheblichkeit mit mangelnder historischer Sorgfalt kollidieren kann.
Und vielleicht steckt darin sogar eine brauchbare Lektion:
Bevor man anderen ständig erklärt, welche Wörter sie wegen der deutschen Geschichte besser nicht benutzen sollten, könnte man zunächst die eigenen Wahlplakate überprüfen.
Das wäre weniger spektakulär.
Aber erheblich intelligenter.
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