Auf „Mein Schiff“ wird gegen Dauerreservierer durchgegriffen und die Passagiere finden es gut
Es gehört zu den großen ungelösten Fragen des Massentourismus: Wie lange darf ein Handtuch eigentlich allein Urlaub machen?
Während sein Besitzer gemütlich frühstückt, anschließend noch einen Kaffee trinkt, eine Runde über das Schiff dreht und vielleicht irgendwann gegen Mittag wieder auftaucht, verbringt das Handtuch bereits seit Stunden einen ausgesprochen entspannten Vormittag auf einer der begehrtesten Sonnenliegen.
Jahrzehntelang galt diese Form der vorsorglichen Gebietsaneignung als geradezu deutsche Urlaubstradition. Doch eine aktuelle YouGov-Befragung räumt zumindest teilweise mit diesem Klischee auf.
Demnach haben jeweils 45 Prozent der befragten Italiener und Franzosen schon einmal eine Sonnenliege mit einem Handtuch reserviert. Bei den Deutschen waren es 38 Prozent, bei den Briten 33 Prozent.
Das Problem ist also international. Der Homo touristus kennt offenbar keine Staatsgrenzen, sobald irgendwo eine freie Liege in Sicht kommt.
Noch interessanter ist allerdings eine andere Zahl: Je nach Land halten 60 bis 82 Prozent der Befragten das Reservieren von Liegen für inakzeptabel. Mehr als die Hälfte hat gleichzeitig schon erlebt, dass keine Liege mehr frei war, weil Plätze durch Handtücher blockiert wurden.
Auf „Mein Schiff“ patrouilliert die Handtuch-Polizei
Wie einfach man das Problem lösen kann, habe ich auf meiner Kreuzfahrt mit „Mein Schiff“ im Juni erlebt.
Dort hatte man etwas eingeführt, das unter den Passagieren schnell einen passenden Namen bekam:
die „Handtuch-Polizei“.
Tatsächlich waren regelmäßig zwei Mitarbeiter auf den Außendecks unterwegs und kontrollierten Liegen, auf denen zwar Handtücher, Taschen oder andere Gegenstände lagen, von deren Besitzern aber weit und breit nichts zu sehen war.
Dabei wurde keineswegs sofort abgeräumt.
Stellten die Mitarbeiter fest, dass eine Liege offenbar längere Zeit verwaist war, wurde zunächst ein Hinweiszettel am Platz angebracht.
Damit begann gewissermaßen die Bewährungsfrist für das einsame Handtuch.
War der Besitzer 30 Minuten später immer noch nicht zurück, räumten die Mitarbeiter die Liege frei.
Handtuch weg. Liege frei. Problem erledigt.
Keine morgendlichen Diskussionen darüber, ob ein Badetuch inzwischen grundbuchfähiges Eigentum begründet. Keine Gäste, die sich gegenseitig Handtücher von den Liegen werfen müssen. Und vor allem keine stundenlang ungenutzten Plätze, während andere Passagiere vergeblich nach einer freien Liege suchen.
Die Reaktion der Passagiere war eindeutig
Besonders bemerkenswert war die Stimmung an Bord.
Nach meiner Wahrnehmung wurde diese Regelung von den Passagieren durchweg positiv aufgenommen.
Und das überrascht eigentlich nicht.
Niemand verlangt schließlich, dass jemand seine Liege verliert, nur weil er kurz schwimmen geht, etwas zu trinken holt oder zur Toilette muss. Genau deshalb ist die halbe Stunde eine vernünftige Lösung.
Wer eine Liege tatsächlich benutzt, dürfte damit kaum Probleme bekommen.
Wer dagegen morgens sein Handtuch auslegt und anschließend für Stunden verschwindet, kann schwerlich behaupten, er nutze diesen Platz gerade.
Eine Sonnenliege ist schließlich kein Hotelzimmer mit Handtuch als Schlüsselkarte.
Das eigentliche Problem ist die künstliche Verknappung
Das Ärgerliche an der Reserviererei ist nämlich nicht das Handtuch selbst.
Es ist die Tatsache, dass dadurch ein knappes Angebot noch künstlich verknappt wird.
Angenommen, auf einem Sonnendeck stehen 200 Liegen. Tatsächlich sitzen oder liegen dort vielleicht nur 120 Menschen. Trotzdem findet ein neu ankommender Passagier keinen Platz, weil weitere 80 Liegen von Handtüchern, Büchern und Taschen „bewohnt“ werden.
Das ist absurd.
Noch absurder wird es, wenn daraufhin auch diejenigen anfangen zu reservieren, die dieses Verhalten eigentlich ablehnen.
Denn wer dreimal morgens keinen Platz bekommt, stellt sich beim vierten Mal eben ebenfalls früher den Wecker.
Damit beginnt der klassische Handtuch-Krieg.
Am Ende stehen morgens um acht Uhr Hunderte reservierte Liegen herum, während ihre Besitzer beim Frühstück sitzen.
Erholung nach deutscher, französischer oder italienischer Art. Die Nationalität spielt offenbar eine geringere Rolle als bisher gedacht.
Die Reedereien sollten konsequent sein
Die auf „Mein Schiff“ praktizierte Lösung zeigt, wie man diesen täglichen Kleinkrieg vermeiden kann:
Klare Regeln, eine angemessene Frist und konsequente Kontrollen durch das Personal.
Das ist wesentlich besser, als die Passagiere untereinander austragen zu lassen, wem eine vermeintlich reservierte Liege gehört.
Denn sobald Gäste anfangen, fremde Handtücher selbst herunterzunehmen, ist der nächste Streit praktisch vorprogrammiert.
Übernimmt dagegen die Reederei diese Aufgabe nach einer transparenten Regel, weiß jeder vorher, woran er ist.
30 Minuten Abwesenheit, danach wird freigeräumt.
Einfach, nachvollziehbar und offenbar ausgesprochen wirkungsvoll.
Vielleicht braucht es manchmal tatsächlich eine „Polizei“, um das gesellschaftliche Zusammenleben zu organisieren.
Und wenn es nur zwei Mitarbeiter mit einem Stapel Zettel sind, die den Passagieren erklären müssen, dass ein Handtuch keine Liege reservieren kann, während sein Besitzer seit zwei Stunden beim Frühstück sitzt.
Manche Zivilisationsprobleme lassen sich erstaunlich unkompliziert lösen.
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