Es gibt Momente in der Politik, die lösen jahrelang offene Fragen auf. Man liest einen Satz, nickt langsam und denkt: „Jetzt ergibt plötzlich alles Sinn.“
So verhält es sich mit den jüngsten Berichten über Thüringens Ministerpräsidenten Mario Voigt. Mehrere Reden und Gastbeiträge sollen zumindest teilweise mithilfe Künstlicher Intelligenz entstanden sein. Darunter eine Rede zum Holocaust-Gedenktag, eine Trauerrede und weitere Texte, die eigentlich von persönlicher Betroffenheit, menschlicher Empathie und individueller Verantwortung leben.
Doch anstatt sich darüber aufzuregen, sollte man Herrn Voigt vielleicht dankbar sein. Endlich gibt es eine plausible Erklärung für manche merkwürdige Aussage der vergangenen Jahre.
Wer sich gelegentlich durch die Tiefen von X, ehemals Twitter, gekämpft hat, stolperte immer wieder über Beiträge, bei denen man sich fragte:
Hat das wirklich ein Mensch geschrieben?
War das ernst gemeint?
Oder hat jemand versehentlich die Kommentarspalte eines schlechten Motivationskalenders veröffentlicht?
Nun kennen wir die Antwort.
Es war möglicherweise die KI.
Und damit ist Herr Voigt eigentlich vollständig entlastet.
Man stelle sich die Szene vor:
Irgendwo in der Thüringer Staatskanzlei sitzt ein Computer.
Mario Voigt gibt ein:
„Schreibe eine tiefgründige Rede über Verantwortung, Demokratie und Menschlichkeit.“
Die KI antwortet:
„Demokratie ist wichtig. Verantwortung auch. Menschlichkeit sowieso.“
Voigt nickt begeistert:
„Brillant. Druckt es aus.“
Der eigentliche Skandal ist dabei gar nicht der Einsatz von KI. Schließlich benutzen inzwischen Millionen Menschen solche Systeme. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass viele Anwender die Ergebnisse anschließend noch einmal lesen.
Offenbar handelt es sich bei Herrn Voigt allerdings um die Sparversion des politischen Qualitätsmanagements.
Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass die verwendete KI nicht aus Kalifornien stammt, sondern aus einem Restpostenmarkt.
Version 1.0.
Mit 512 Megabyte Arbeitsspeicher.
Geliefert auf einer CD-ROM.
Vielleicht erklärt das auch die nicht auffindbaren Wissenschaftler-Zitate, über die berichtet wird.
Möglicherweise fragte die KI:
„Soll ich echte Experten zitieren?“
Und irgendein Praktikant klickte versehentlich auf:
„Nein, überrasche mich.“
Besonders bemerkenswert ist die Verteidigungslinie.
Die KI sei längst Teil moderner Kommunikation, heißt es.
Das stimmt natürlich.
Ebenso wie Taschenrechner Teil moderner Mathematik sind.
Wenn allerdings ein Schüler auf die Frage „Wie viel ist zwei plus zwei?“ antwortet:
„Das müssen Sie meinen Taschenrechner fragen“,
gibt es trotzdem keine Eins.
Interessant wird es auch für die Zukunft.
Vielleicht erleben wir bald Pressekonferenzen dieser Art:
„Herr Ministerpräsident, wie stehen Sie zur Haushaltskrise?“
„Dazu befrage ich zunächst ChatGPT.“
„Und was ist Ihre persönliche Meinung?“
„Die wird gerade geladen.“
„Und wer übernimmt die politische Verantwortung?“
„Bitte warten. Die Antwort wird generiert.“
Immerhin hätte die Sache auch Vorteile.
Sollte die Regierung scheitern, könnte man künftig sagen:
Nicht Mario Voigt hat versagt.
Nicht die Koalition hat versagt.
Nicht die Politik hat versagt.
Es war ein Softwareproblem.
Ein Updatefehler.
Ein Prompt mit unglücklicher Formulierung.
Oder schlicht ein Serverausfall.
Die Menschheit sucht seit Jahrhunderten nach Möglichkeiten, Verantwortung zu delegieren.
Die Thüringer Landespolitik scheint nun einen neuen Rekord aufgestellt zu haben:
Vom Berater zum Gutachter.
Vom Gutachter zur Kommission.
Von der Kommission zur KI.
Der nächste Schritt wäre vermutlich, den Ministerpräsidenten gleich vollständig durch einen Drucker zu ersetzen.
Der würde wenigstens nur Papier verschwenden.
Man muss den Vorgang fast bewundern. Jahrzehntelang haben Politiker Ghostwriter beschäftigt. Nun beschäftigt der Ghostwriter offenbar selbst eine KI. Auch eine Form von Digitalisierung. Nur nicht unbedingt die, die man sich vorgestellt hatte.











