Republikflucht 2.0: Wenn Rentner die Koffer packen

Früher flohen die Menschen aus Republiken, weil sie nicht bleiben wollten. Heute nennt man es natürlich anders. Heute heißt es „Lebensabend im Ausland“, „Auswanderung“, „Alterswohnsitz unter südlicher Sonne“ oder „internationale Mobilität“.

Klingt deutlich freundlicher.

Die Zahlen sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache: Über 1,7 Millionen Renten werden mittlerweile ins Ausland überwiesen. Tendenz seit Jahren steigend. Millionen Menschen verbringen ihren Ruhestand außerhalb Deutschlands.

Und nun stellt sich die Frage, die in Berlin offenbar niemand stellen möchte:

Warum eigentlich?

Warum verlässt jemand ausgerechnet das Land, das angeblich so erfolgreich, so modern, so weltoffen, so klimaneutral und so vorbildlich ist?

Warum sitzt der deutsche Rentner lieber in Spanien auf der Terrasse als in Deutschland auf dem Balkon?

Warum zieht es Menschen nach Ungarn, Kroatien, Portugal oder Griechenland?

Liegt es am Wetter?

Sicher auch.

Liegt es an den Lebenshaltungskosten?

Ganz bestimmt.

Oder liegt es vielleicht daran, dass viele Menschen nach Jahrzehnten Arbeit einfach genug haben?

Genug von immer neuen Steuern.

Genug von immer neuen Abgaben.

Genug von Energiepreisen, die jeden Winter zur Mutprobe machen.

Genug von Benzinpreisen, bei denen der Tankvorgang inzwischen emotionale Unterstützung benötigt.

Genug von einer Bürokratie, die selbst einen einfachen Antrag zu einer Expedition durch den Verwaltungsdschungel macht.

Während der deutsche Rentner in Spanien für dieselbe Rente deutlich besser lebt, erklärt ihm die Politik zu Hause, warum er für sein eigenes Wohl gefälligst noch etwas verzichten müsse.

Weniger Fleisch.

Weniger Auto.

Weniger Heizung.

Weniger Wohlstand.

Weniger Ansprüche.

Kurz gesagt: weniger Leben.

Dafür mehr Formulare.

Mehr Vorschriften.

Mehr Belehrungen.

Mehr Belastungen.

Die Bundesregierung scheint diese Entwicklung allerdings kaum zu bemerken.

Man diskutiert über Fachkräftemangel.

Man diskutiert über Klimaziele.

Man diskutiert über gendergerechte Formulierungen.

Doch dass immer mehr Menschen ihre letzten Lebensjahre lieber außerhalb Deutschlands verbringen, scheint kaum eine politische Analyse wert zu sein.

Dabei wäre die Frage durchaus spannend:

Was sagt es über ein Land aus, wenn Menschen jahrzehntelang dort arbeiten, Steuern zahlen, Sozialabgaben entrichten und sich dann im Ruhestand möglichst weit entfernen möchten?

Natürlich wird man sofort erklären, dass viele Auslandsrentner ehemalige Gastarbeiter seien, die in ihre Heimat zurückkehren.

Das stimmt.

Aber es erklärt längst nicht alles.

Denn auch immer mehr Deutsche ziehen weg.

Nicht wenige verkaufen Haus und Wohnung, verabschieden sich von der Heimat und suchen ihr Glück dort, wo Strom, Lebensmittel, Wohnen und Alltag bezahlbarer sind.

Man könnte das als individuelles Lebensmodell betrachten.

Man könnte aber auch die unbequeme Frage stellen:

Ist es wirklich ein Erfolg, wenn Menschen ihr Geld in Deutschland verdienen, ihre Rente aus Deutschland beziehen, ihren Ruhestand aber lieber anderswo verbringen?

Vielleicht erleben wir gerade eine moderne Form der Republikflucht.

Nicht mit Mauern.

Nicht mit Stacheldraht.

Nicht nachts durch Tunnel.

Sondern ganz friedlich.

Mit Wohnmobil.

Mit Flugticket.

Mit Rentenbescheid.

Und mit dem stillen Entschluss, dass man den Lebensabend lieber dort verbringt, wo der Staat etwas weniger von einem will und das Leben etwas mehr zurückgibt.

Die eigentliche Ironie dabei:

Während Berlin darüber nachdenkt, wie man Deutschland für die ganze Welt attraktiver machen kann, scheint man kaum zu bemerken, dass immer mehr Menschen bereits auf dem Weg nach draußen sind.


Man muss den Fakten halber ergänzen: Die steigende Zahl der Auslandsrenten hat viele Ursachen. Ein großer Teil entfällt tatsächlich auf ehemalige Gastarbeiter, die nach dem Erwerbsleben in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Dennoch wird die Diskussion über Lebenshaltungskosten, Steuer- und Abgabenlast sowie die Attraktivität Deutschlands als Alterswohnsitz seit Jahren geführt. Gerade deshalb eignet sich das Thema hervorragend für eine satirische Zuspitzung.


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