Das Turiner Grabtuch: Schwindel, Mysterium oder göttliches Zeugnis?

Seit Jahrhunderten fasziniert ein unscheinbares Stück Leinen die Menschheit mehr als mancher König, Feldherr oder Politiker. Das Turiner Grabtuch, auf dem die Umrisse eines gekreuzigten Mannes zu erkennen sind, gilt für die einen als die bedeutendste Reliquie des Christentums, für die anderen als raffinierte mittelalterliche Fälschung. Und dazwischen stehen jene, die zwar nicht an Wunder glauben, aber dennoch zugeben müssen: Ganz erklären lässt sich dieses Rätsel bis heute nicht.

ProbeOxfordZürichArizona
Turiner Grabtuch1200 n. Chr.1274 n. Chr.1304 n. Chr.
Kontrollprobe (Fäden, 1290–1310 n. Chr.)1195 n. Chr.1265 n. Chr.1228 n. Chr.
Kontrollprobe (Leintuch, 11./12. Jhd. n. Chr.)1010 n. Chr.1009 n. Chr.1023 n. Chr.
Kontrollprobe (Leintuch, 1. Jhd. v. Chr.–1. Jhd. n. Chr.)30 v. Chr.10 n. Chr.45 v. Chr.
Berechnete Entstehungszeit nach der Radiokohlenstoffdatierung. Jedes Labor erhielt auch drei Kontrollproben bekannten Alters.

Ein Stück Stoff, das die Welt beschäftigt

Das Turiner Grabtuch wird seit Jahrhunderten in Turin aufbewahrt. Auf dem etwa 4,4 Meter langen Leinentuch sind die Vorder- und Rückseite eines Mannes zu erkennen, dessen Verletzungen auffallend gut zu den Beschreibungen der Kreuzigung Jesu passen.

Dornenkrone, Geißelspuren, Nagelwunden und eine Stichverletzung an der Seite. Für Gläubige ist die Sache klar: Sie betrachten das Tuch als das Leichentuch Christi.

Doch wäre die Geschichte so eindeutig, gäbe es darüber längst keine Debatten mehr.

Die Wissenschaft schlägt zurück

1988 wurde das Grabtuch einer Radiokarbondatierung unterzogen. Drei unabhängige Labore kamen zu einem ähnlichen Ergebnis: Das Gewebe stammt vermutlich aus der Zeit zwischen 1260 und 1390 nach Christus.

Für viele Wissenschaftler war das Urteil eindeutig. Das Tuch sei demnach im Mittelalter entstanden und könne unmöglich mit Jesus in Verbindung stehen.

Fall abgeschlossen.

Oder doch nicht?

Die Zweifel an den Zweifeln

Kritiker der Untersuchung weisen darauf hin, dass die damals entnommene Probe möglicherweise aus einem Bereich stammt, der nach einem Brand im Mittelalter repariert worden sein könnte.

Sollte tatsächlich später eingearbeitetes Material untersucht worden sein, wäre das berühmte Ergebnis zumindest fragwürdig.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Bis heute konnte niemand überzeugend erklären, wie das Bild auf das Leinen gelangte.

Es handelt sich weder um eine klassische Malerei noch um eine bekannte Drucktechnik. Die Verfärbung betrifft lediglich die äußersten Faserschichten des Stoffes. Moderne Analysen haben zwar zahlreiche Theorien hervorgebracht, eine allgemein akzeptierte Erklärung existiert jedoch nicht.

Das Wunder als Erklärung?

Für gläubige Christen liegt die Antwort auf der Hand. Sie vermuten, das Bild sei während der Auferstehung entstanden.

Demnach hätte ein bislang unbekannter Vorgang das Abbild des Körpers auf das Leinen übertragen.

Naturwissenschaftlich beweisen lässt sich diese Annahme nicht. Genauso wenig kann sie jedoch durch wissenschaftliche Methoden bestätigt werden. Hier beginnt der Bereich des Glaubens, und dort endet zwangsläufig die Zuständigkeit jedes Labors.

Zwischen Glauben und Skepsis

Das Turiner Grabtuch bleibt deshalb ein außergewöhnlicher Sonderfall. Es ist weder eindeutig als Fälschung entlarvt noch zweifelsfrei als authentisches Grabtuch Jesu bestätigt.

Die Wissenschaft besitzt starke Argumente für einen mittelalterlichen Ursprung. Die Befürworter der Echtheit verweisen auf ungelöste Fragen, ungewöhnliche Eigenschaften des Bildes und mögliche Fehler bei der Datierung.

Beide Seiten können Punkte vorbringen. Keine Seite konnte bislang einen endgültigen Beweis liefern.

Fazit

Das Turiner Grabtuch ist eines der größten ungelösten Rätsel der Religionsgeschichte.

Vielleicht handelt es sich um eine meisterhafte mittelalterliche Fälschung, die ihrer Zeit Jahrhunderte voraus war. Vielleicht um das Grabtuch eines unbekannten Gekreuzigten aus der Antike. Oder tatsächlich um jenes Tuch, in das der Leichnam Jesu vor rund 2000 Jahren gehüllt wurde.

Bis heute gibt es keine Antwort, die alle Fragen beseitigt.

Und vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Faszination des Turiner Grabtuchs: Es zwingt Gläubige, Skeptiker und Wissenschaftler gleichermaßen dazu, mit Unsicherheit zu leben. Eine Fähigkeit, die in unserer Zeit fast noch seltener geworden ist als echte Wunder.

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