Es gehört zu den bemerkenswertesten Entwicklungen im internationalen Mediengeschäft: Während RT in der Europäischen Union seit 2022 weitgehend aus dem regulären Verbreitungsweg gedrängt wurde, hat der russische Auslandssender keineswegs aufgehört zu existieren. Im Gegenteil.
RT orientiert sich zunehmend dorthin, wo ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung lebt: nach Asien, Afrika, Lateinamerika und in den Nahen Osten.
Und nun wird Indien zu einem der wichtigsten Bausteine dieser Strategie.
RT India war offenbar erst der Anfang
Im Dezember 2025 startete RT India in Neu-Delhi. Nach Angaben verschiedener Quellen verfügt die Redaktion inzwischen über mehr als 100 Journalisten und Produktionsmitarbeiter im Großraum Delhi. Produziert werden Nachrichtensendungen, Dokumentationen, Interviews und politische Gesprächsformate.
Dabei setzt RT auffällig stark auf indische Gesichter und Themen. In Produktionen und Interviews tauchen bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Medien und Gesellschaft auf. Genau darin sehen die Autoren des von The Conversation verbreiteten Beitrags eine bewusste Strategie: RT soll nicht wie ein von Moskau aus gesteuerter Fremdkörper wirken, sondern möglichst stark in der jeweiligen Medienlandschaft verwurzelt erscheinen.
Der Werbeslogan von RT India bringt die Positionierung ziemlich unverblümt auf den Punkt:
„Not anti-Western – just not Western.“
Nicht antiwestlich, sondern schlicht nicht westlich.
Das ist kommunikativ ziemlich geschickt. Statt den Zuschauern vorzuschreiben, Russland gut zu finden, bietet RT ihnen eine Alternative zur westlich dominierten internationalen Nachrichtenwelt an.
Jetzt folgt RT Hindi
Und inzwischen geht die Expansion weiter.
Am 7. September 2026 startete RT eine eigene digitale Nachrichtenplattform in Hindi. Texte, Videos, Analysen und Teile des Fernsehprogramms von RT India sollen dort einem wesentlich größeren Publikum zugänglich gemacht werden.
RT selbst spricht von einer potenziellen Zielgruppe von mehr als 500 Millionen Menschen.
Damit bekommt die Sache eine völlig andere Größenordnung.
Denn Indien ist mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern nicht irgendein zusätzlicher Medienmarkt. Wer dort relevante Reichweiten erreicht, spricht mit einem Publikum, dessen Größenordnung europäische Medienmärkte geradezu niedlich aussehen lässt.
Europa sperrt RT aus und RT sucht sich andere Zuschauer
Genau hier liegt die Ironie der europäischen Medienpolitik.
Nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine wurde die Verbreitung von RT und Sputnik in der EU stark eingeschränkt. Auch in Großbritannien und den USA verlor RT wesentliche traditionelle Verbreitungsmöglichkeiten.
Man konnte deshalb zeitweise den Eindruck bekommen, das internationale Projekt RT sei erledigt.
Tatsächlich geschah etwas anderes:
Der Sender verlagerte seinen Schwerpunkt.
RT Arabic existiert bereits seit 2007, RT en Español seit 2009. Hinzu kamen verstärkte Aktivitäten in Afrika, ein portugiesischsprachiges Angebot für Brasilien und inzwischen die massive Expansion in Indien.
RT selbst gibt an, dass sein internationales Netzwerk heute Fernsehangebote unter anderem auf Englisch, Arabisch, Spanisch, Deutsch, Serbisch und Französisch umfasst und Onlineangebote in zehn Sprachen betreibt. Diese Eigenangaben sollte man naturgemäß von unabhängig gemessener tatsächlicher Nutzung unterscheiden.
Das Entscheidende bleibt trotzdem:
RT verschwindet nicht. RT verschiebt sein Publikum.
Der eigentliche Kampf findet um den „Globalen Süden“ statt
The Conversation interpretiert diese Entwicklung als Teil einer russischen Strategie des „West versus Rest“. Russland versuche, sich gegenüber Staaten außerhalb Europas und Nordamerikas als Gegenpol zu einer westlich dominierten Weltordnung darzustellen.
Das ist eine Interpretation, keine neutrale Tatsache. Aber dass RT genau mit Themen wie Kolonialismus, westlicher Dominanz, Multipolarität und der politischen Bedeutung des sogenannten Globalen Südens arbeitet, lässt sich tatsächlich beobachten.
Gerade in Indien ist das keineswegs ein zufällig gewähltes Thema.
Das Land war fast zwei Jahrhunderte britischer Kolonialherrschaft ausgesetzt. Gleichzeitig unterhält Indien seit Jahrzehnten enge Beziehungen zu Russland beziehungsweise zuvor zur Sowjetunion.
RT versucht offensichtlich, genau an diese historischen Erfahrungen anzuknüpfen.
Die Botschaft lautet sinngemäß:
Warum sollte ausgerechnet der Westen bestimmen, wie die Welt erklärt wird?
Man muss diese Botschaft nicht teilen, um zu erkennen, weshalb sie in Teilen Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas auf ein anderes Publikum trifft als beispielsweise in Berlin, Paris oder London.
Und plötzlich konkurrieren mehrere Weltbilder miteinander
Genau das macht die Entwicklung interessant.
Denn jahrzehntelang waren internationale Medien wie BBC, CNN, Reuters, AFP, Voice of America oder Deutsche Welle selbstverständliche Bestandteile globaler Informationspolitik. Nun bauen Russland, China und andere Staaten ihre eigenen internationalen Medienstrukturen aus.
In Indien konkurrieren mittlerweile unter anderem RT, Sputnik, BBC und Deutsche Welle um Aufmerksamkeit. ThePrint beschreibt ausdrücklich einen neuen Wettbewerb ausländischer Medien um den gigantischen indischen Markt.
Natürlich betreibt Russland dabei Interessenpolitik.
Die Vorstellung allerdings, westliche staatlich finanzierte Auslandssender hätten keinerlei außenpolitische Interessen und ausschließlich russische Medien betrieben strategische Kommunikation, wäre reichlich naiv. Staaten finanzieren internationale Medien schließlich selten aus einem plötzlich erwachten Bedürfnis nach selbstloser journalistischer Weltbeglückung.
Der entscheidende Unterschied besteht deshalb weniger darin, ob Interessen vorhanden sind, sondern wie transparent Finanzierung, redaktionelle Kontrolle, Quellenlage und politische Bindungen für das Publikum erkennbar sind.
Das Informationsmonopol des Westens bröckelt
Darin liegt vermutlich die langfristig wichtigste Entwicklung.
Der internationale Informationsraum wird multipolarer.
Nicht nur politisch und wirtschaftlich entstehen neue Machtzentren. Auch die Deutung internationaler Ereignisse wird zunehmend umkämpft.
Ein Inder, Brasilianer, Serbe oder Südafrikaner kann heute denselben internationalen Konflikt aus vollkommen unterschiedlichen Perspektiven betrachten: amerikanisch, britisch, deutsch, chinesisch, arabisch, russisch oder über nationale Medien seines eigenen Landes.
Das kann mehr Propaganda bedeuten.
Es kann aber zugleich bedeuten, dass Propaganda leichter miteinander verglichen werden kann.
Und genau darin steckt die vielleicht unbeabsichtigte Pointe.
Wer RT in Europa abschaltet, verhindert damit nicht automatisch, dass RT weltweit Zuschauer gewinnt. Man sorgt zunächst lediglich dafür, dass Europäer RT schwerer empfangen können.
Währenddessen baut der Sender anderswo neue Studios auf.
Ausgerechnet Indien könnte zum Symbol dieser Verschiebung werden
Mit RT India und nun RT Hindi setzt Moskau auf einen Markt von gewaltiger strategischer Bedeutung.
Allein das Hindi-Angebot richtet sich nach Angaben von RT potenziell an mehr als eine halbe Milliarde Menschen. Das englischsprachige RT India produziert zusätzlich für den riesigen englischsprachigen Teil der indischen Öffentlichkeit.
Europa diskutiert also weiterhin darüber, wie russische Medien aus seinem Informationsraum ferngehalten werden können.
Russland beschäftigt sich inzwischen mit einer anderen Frage:
Wie erreicht man die Milliarden Menschen, die außerhalb des Westens leben?
Das dürfte langfristig die wesentlich bedeutendere Frage sein.
Denn möglicherweise erleben wir gerade nicht das Ende russischer internationaler Medien, sondern ihre geografische Neuorientierung.
RT verliert Teile Europas und Nordamerikas als klassischen Markt und investiert stattdessen dort, wo die Bevölkerung wächst, wo westliche Deutungsmacht ohnehin skeptischer betrachtet wird und wo Russland politisch und wirtschaftlich neue Partnerschaften sucht.
Man kann RT für Propaganda halten. Man kann BBC, Voice of America oder andere Auslandssender ebenso kritisch untersuchen. Gerade deshalb sollte die Antwort auf unerwünschte Medien nicht darin bestehen, dem Bürger möglichst wenig davon zugänglich zu machen.
Die bessere Antwort wäre wesentlich unbequemer:
Quellen vergleichen. Behauptungen überprüfen. Widersprüche sichtbar machen. Und den mündigen Bürger anschließend selbst entscheiden lassen, wem er glaubt.
Denn wer überzeugt ist, die besseren Argumente zu besitzen, sollte vor konkurrierenden Argumenten eigentlich keine Angst haben.
NACHSATZ
Mal ganz ehrlich: Was ist das für eine Meinungsfreiheit, wenn die Politik entscheidet, welche Medien der Bürger noch problemlos sehen darf? Wer RT für Propaganda hält, soll RT widerlegen, nicht den Zugang beschränken.
Eine Demokratie muss auch unbequeme und unerwünschte Stimmen aushalten. Meinungsfreiheit nur für genehme Meinungen ist keine Meinungsfreiheit.
Pfui Teufel.
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