Eine bitterböse Satire über Raketen, Moral und die bemerkenswerte Fähigkeit des Westens, sich selbst zum Schiedsrichter über Gut und Böse zu ernennen
Es gibt eine der wichtigsten Regeln der modernen Geopolitik, und sie ist erfreulich einfach:
Wenn wir Waffen liefern, verteidigen wir die Freiheit. Wenn die anderen Waffen liefern, eskalieren sie den Krieg.
Wer diese Regel verstanden hat, kann sich ungefähr 80 Prozent aller außenpolitischen Debatten sparen.
Nun berichtet das Institute for the Study of War unter Berufung auf den ukrainischen Militärgeheimdienst GUR, Russland habe mit der Stationierung von sechs Abschussvorrichtungen für nordkoreanische ballistische Raketen in der Region Woronesch begonnen. Nordkorea soll Russland bis Juli rund 50 Raketen der Typen KN-23, KN-24 und KN-30 geliefert haben. Die sechs Abschussvorrichtungen sollen insgesamt für bis zu 120 Raketen vorgesehen sein. Von Woronesch aus könnten zahlreiche ukrainische Regionen erreicht werden.
Und selbstverständlich ist die Empörung groß.
- Nordkoreanische Raketen!
- Ausländische Raketen!
- In einem Krieg!
- Wo kommen wir denn da hin?
Vermutlich genau dorthin, wo wir seit Jahren bereits sind.
Unsere internationale Waffensammlung ist natürlich etwas völlig anderes
Die Ukraine kämpft seit Jahren mit Waffen und Munition aus zahlreichen Staaten. Amerikanische Systeme, deutsche Systeme, französische Systeme, britische Systeme und vieles mehr.
Das nennt man allerdings nicht „ausländische Einmischung“.
Das nennt man:
internationale Solidarität.
Wenn dagegen Nordkorea Raketen nach Russland liefert, funktioniert dasselbe Prinzip plötzlich unter einer völlig anderen Überschrift:
gefährliche Internationalisierung des Krieges.
Das muss man verstehen.
Eine Rakete besitzt nämlich offenbar eine politische Seele.
Kommt sie aus einem NATO-Staat und fliegt in die eine Richtung, trägt sie vermutlich irgendwo unsichtbar eine kleine Friedensfahne.
Kommt sie aus Nordkorea und fliegt in die andere Richtung, verwandelt sie sich augenblicklich in ein Symbol der Eskalation.
Physiker haben dieses bemerkenswerte Phänomen bislang sträflich vernachlässigt.
Denn wir sind die Guten
Warum?
Nun machen Sie es doch nicht unnötig kompliziert.
Weil wir das definiert haben.
Und wer bestimmt, wer „wir“ sind?
Ebenfalls wir.
Das ist das ausgesprochen Praktische an moralischer Überlegenheit: Man kann gleichzeitig Teilnehmer, Schiedsrichter, Regelkommission und Pressestelle sein.
- Unsere Waffenlieferungen dienen dem Frieden.
- Unsere Sanktionen dienen dem Frieden.
- Unsere Aufrüstung dient dem Frieden.
- Unsere Militärübungen dienen selbstverständlich ebenfalls dem Frieden.
Und wenn irgendwann genügend Waffen vorhanden sind, muss der Frieden eigentlich zwangsläufig ausbrechen.
Die Menschheitsgeschichte liefert für diese faszinierende Theorie zwar nur begrenzt Beweismaterial, aber man sollte sich von Details nicht die große Erzählung verderben lassen.
Dann kommt auch noch Pjöngjang und spielt nicht mit
Donald Trump versucht unterdessen, die Beziehungen zu Nordkorea wieder in Bewegung zu bringen. Er ließ die gemeinsamen amerikanisch-südkoreanischen Militärübungen verkürzen und erklärte öffentlich, noch 2026 Kim Jong-un treffen zu wollen.
Pjöngjang reagierte ungefähr mit der diplomatischen Variante von:
Interessiert uns nicht.
Kim Yo-jong erklärte, die verkürzten Übungen änderten nichts an deren aus nordkoreanischer Sicht „provokativem“ Charakter. Gleichzeitig sagte sie, ihr seien keine aktuellen Kontakte zwischen Trump und ihrem Bruder bekannt.
Das ist für Washington unangenehm.
Denn Trump hatte zuvor erklärt, Kim habe auf seine Kontaktversuche reagiert.
Internationale Diplomatie im Jahr 2026:
Der eine sagt, wir reden miteinander.
Die andere Seite sagt, davon wissen wir nichts.
Und irgendwo sitzen Tausende Diplomaten, Sicherheitsexperten und Journalisten und produzieren daraus vermutlich 400 Seiten Analyse.
Das eigentliche Ärgernis
Natürlich ist die Lieferung nordkoreanischer ballistischer Raketen an Russland militärisch relevant. Und natürlich können solche Waffen Menschen töten, Infrastruktur zerstören und den Krieg weiter verschärfen.
Nur genau deshalb sollte man sich eine kleine intellektuelle Zumutung erlauben:
Derselbe Maßstab sollte grundsätzlich für alle gelten.
Wer Waffenlieferungen an eine Kriegspartei grundsätzlich für legitim hält, kann schwerlich allein aus der Tatsache, dass eine andere Kriegspartei ebenfalls Waffen aus dem Ausland erhält, einen einzigartigen moralischen Skandal konstruieren.
Man kann über Völkerrecht, Ziele, konkrete Waffeneinsätze und Verantwortung diskutieren.
Das wäre sogar ausgesprochen sinnvoll.
Aber dafür müsste man diese lästige Angewohnheit aufgeben, internationale Politik wie einen Western zu erzählen:
Hier stehen die Guten.
Dort stehen die Bösen.
Und zufälligerweise stehen wir immer bei den Guten.
Was für ein unglaublicher historischer Zufall.
Die neue goldene Regel
Vielleicht braucht die internationale Politik deshalb endlich ein leicht verständliches Regelwerk:
- Deutsche Waffen: Verantwortung.
- Amerikanische Waffen: Abschreckung.
- Britische Waffen: Solidarität.
- Französische Waffen: europäische Handlungsfähigkeit.
- Nordkoreanische Waffen: Eskalation.
- Russische Waffen: Aggression.
Und sollte jemand fragen, warum identische Vorgänge sprachlich völlig unterschiedlich bewertet werden, lautet die Antwort:
Weil zwei niemals dasselbe tun können, wenn einer von beiden bereits vorher zum Guten erklärt wurde.
So einfach funktioniert moderne Moralgeopolitik.
Man muss nur darauf achten, dass man selbst die Definition schreibt.
Denn eines wäre wirklich gefährlich:
Wenn plötzlich alle Seiten nach denselben Maßstäben beurteilt würden.
Dann müsste man womöglich anfangen, über Interessen, Machtpolitik, Stellvertreterlogik und Doppelmoral zu sprechen.
Und damit ruiniert man zuverlässig jede schöne Schwarz-Weiß-Geschichte.
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