Erst wurde Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt, dann in der Ukraine und nun offenbar auch in Litauen. Die geografischen Grenzen deutscher Verteidigungsinteressen scheinen sich immer weiter auszudehnen. Was als Ausdruck europäischer Solidarität verkauft wird, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wo endet eine vernünftige Sicherheitspolitik, und wo beginnt die politische Dramatisierung einer militärischen Bedrohung?
Der Satz „Für uns ist die Verteidigung von Vilnius die Verteidigung von Berlin“ klingt entschlossen, staatsmännisch und nach einem unbedingten Bekenntnis zur NATO. Doch gerade solche Formulierungen verdienen eine kritische Betrachtung.
Denn wer die Verteidigung einer rund 1.000 Kilometer von Berlin entfernten Hauptstadt mit der Verteidigung Deutschlands gleichsetzt, sollte erklären, was damit konkret gemeint ist.
Geht es um die Verpflichtungen Deutschlands innerhalb der NATO? Geht es um militärische Abschreckung? Oder soll der deutschen Bevölkerung vermittelt werden, dass sich ihre eigene Sicherheit inzwischen an nahezu jedem geopolitischen Konfliktherd Europas entscheidet?
Die Unterscheidung ist keineswegs nebensächlich.
Vom Hindukusch über den Donbass bis nach Vilnius
Bereits 2002 erklärte der damalige Bundesverteidigungsminister Peter Struck, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt.
Der Satz sollte den deutschen Militäreinsatz in Afghanistan rechtfertigen. Zwei Jahrzehnte später mussten die westlichen Streitkräfte das Land verlassen. Die Taliban übernahmen erneut die Macht.
Was blieb von der Behauptung, dort werde Deutschlands Sicherheit verteidigt?
Zumindest die Vorstellung, militärische Interventionen in weit entfernten Ländern könnten automatisch für mehr Sicherheit in Deutschland sorgen, hat durch Afghanistan erheblich an Glaubwürdigkeit verloren.
Nun erleben wir eine vergleichbare politische Argumentation im Zusammenhang mit der Ukraine und Litauen.
Die Botschaft lautet zunehmend: Wer die Sicherheit Deutschlands gewährleisten will, muss bereit sein, sie auch weit außerhalb der eigenen Landesgrenzen militärisch zu verteidigen.
Diese Logik birgt eine Gefahr. Sie kann dazu führen, dass nahezu jede internationale Auseinandersetzung zu einer unmittelbaren Bedrohung Deutschlands erklärt wird.
Und wer jede Krise zur existenziellen Bedrohung erhebt, schafft ein politisches Klima, in dem militärische Aufrüstung und immer neue Verteidigungsausgaben kaum noch grundsätzlich hinterfragt werden.
Litauen ist NATO-Mitglied. Die Ukraine ist es nicht.
Ein entscheidender Unterschied wird in der öffentlichen Diskussion häufig verwischt.
Litauen gehört seit 2004 der NATO an. Deutschland hat sich damit verpflichtet, im Falle eines bewaffneten Angriffs im Rahmen des Nordatlantikvertrags Beistand zu leisten.
Das ist keine neue politische Erkenntnis, sondern seit mehr als zwei Jahrzehnten geltendes Bündnisrecht.
Die Ukraine hingegen ist kein NATO-Mitglied. Eine vergleichbare Beistandsverpflichtung besteht gegenüber der Ukraine nicht.
Wer beide Konfliktszenarien rhetorisch miteinander vermischt, erschwert eine sachliche Diskussion über Deutschlands tatsächliche Verpflichtungen.
Auch Artikel 5 des NATO-Vertrags bedeutet übrigens nicht, dass jeder Mitgliedstaat automatisch mit sämtlichen verfügbaren Streitkräften in einen Krieg eintreten muss. Jeder Bündnispartner entscheidet über die Maßnahmen, die er für erforderlich hält. Dazu kann militärische Gewalt gehören.
Gerade deshalb sollte verantwortungsvolle Sicherheitspolitik zwischen rechtlichen Verpflichtungen, strategischen Interessen und politischer Symbolik unterscheiden.
Wenn plötzlich auch der Rhein bedroht sein soll
Besonders bemerkenswert ist die Behauptung, dass eine gewaltsame Verschiebung der Grenzen im Donbass irgendwann auch die Grenzen am Rhein infrage stellen könnte.
Diese Argumentation arbeitet mit einer dramatischen gedanklichen Kettenreaktion.
Aus einem territorialen Konflikt in Osteuropa wird ein mögliches Bedrohungsszenario für Westeuropa konstruiert.
Natürlich ist es richtig, dass gewaltsame Grenzverschiebungen gegen grundlegende Prinzipien des Völkerrechts verstoßen. Ebenso richtig ist, dass die europäische Sicherheitsordnung durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erschüttert wurde.
Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass eine militärische Auseinandersetzung um den Rhein bevorsteht oder auch nur wahrscheinlich ist.
Zwischen einer grundsätzlichen Gefährdung der europäischen Sicherheitsordnung und einer konkreten militärischen Bedrohung der deutschen Westgrenze besteht ein erheblicher Unterschied.
Wer solche Szenarien öffentlich miteinander verbindet, sollte dafür belastbare strategische Erkenntnisse vorlegen.
Andernfalls bleibt der Eindruck, dass mit geografisch immer weiter ausgreifenden Bedrohungsbildern politische Zustimmung erzeugt werden soll.
Franziska Brantner: Sicherheitspolitik mit erhobenem Zeigefinger
Bei der Politikerin handelt es sich um Franziska Brantner, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.
Am 4. November 2026 hielt sie an einer Universität in Vilnius eine Rede, in der sie ihre Vorstellungen einer europäischen Verteidigungsunion erläuterte.
Brantner war zuvor Mitglied der Friedens- und Sicherheitspolitischen Kommission ihrer Partei. Man darf deshalb erwarten, dass sie die Bedeutung militärischer Bündnisse und die Tragweite sicherheitspolitischer Aussagen kennt.
Umso kritischer ist ihre Wortwahl zu betrachten.
Nach einem Bericht der WELT warnte Brantner außerdem davor, dass ein militärisch erstarktes Deutschland angesichts des politischen Aufstiegs der AfD bei europäischen Nachbarn Besorgnis auslösen könne. Deshalb müsse Deutschland besonders fest in europäische militärische Befehlsstrukturen eingebunden werden. DIE WELT
Hier wird die Argumentation besonders widersprüchlich.
Einerseits fordert Brantner eine militärische Stärkung Deutschlands. Andererseits warnt sie davor, dass Deutschland seine militärischen Fähigkeiten unter einer künftig möglicherweise anders zusammengesetzten Regierung eigenständig einsetzen könnte.
Das wirft eine demokratische Grundsatzfrage auf: Soll eine europäische Verteidigungsunion in erster Linie die äußere Sicherheit gewährleisten oder zugleich verhindern, dass künftige deutsche Regierungen eine eigenständige Verteidigungspolitik verfolgen?
Die Sorge vor einem Missbrauch militärischer Macht ist legitim. Sie rechtfertigt aber nicht automatisch, demokratische Entscheidungen dauerhaft auf europäische Institutionen zu verlagern.
Brantner sollte deshalb erklären, wer innerhalb einer solchen Verteidigungsunion letztlich über den Einsatz deutscher Soldaten entscheidet und welche Rechte der Deutsche Bundestag behalten soll.
Eine bemerkenswerte politische Doppelstrategie
Noch etwas fällt auf.
Wenn es um die Bedrohung durch Russland geht, wird die Notwendigkeit einer starken deutschen Armee betont.
Wenn es dagegen um mögliche innenpolitische Machtverschiebungen geht, wird ausgerechnet diese deutsche Armee plötzlich zum potenziellen Sicherheitsrisiko für unsere europäischen Nachbarn erklärt.
Man könnte diese Argumentation folgendermaßen zusammenfassen:
Deutschland soll militärisch stark genug sein, um Russland abzuschrecken, aber politisch nicht eigenständig genug, um seine Streitkräfte unabhängig von europäischen Partnern einzusetzen.
Das ist zumindest erklärungsbedürftig.
Eine verantwortungsvolle Politikerin sollte solche Widersprüche offen ansprechen, statt sie hinter wohlklingenden Formeln europäischer Solidarität zu verstecken.
Die entscheidende Frage lautet: Was macht Deutschland tatsächlich sicherer?
Die Sicherheit Deutschlands hängt zweifellos auch von der Stabilität seiner europäischen Nachbarn ab.
Doch daraus ergibt sich kein Freibrief für jede militärpolitische Forderung.
Deutschland benötigt eine einsatzfähige Bundeswehr, eine glaubwürdige Abschreckung und verlässliche Bündnispartner. Ebenso benötigt es diplomatische Initiativen, funktionierende Rüstungskontrolle und eine Außenpolitik, die Eskalationsrisiken ernst nimmt.
Diese Instrumente gegeneinander auszuspielen, wäre falsch.
Ebenso falsch wäre es jedoch, militärische Stärke zum nahezu ausschließlichen Maßstab verantwortungsvoller Sicherheitspolitik zu erklären.
Gerade von einer Politikerin, deren Partei aus der Friedensbewegung hervorgegangen ist, dürfte man erwarten, dass sie auch die Grenzen militärischer Abschreckung thematisiert.
Fazit: Deutschland braucht Sicherheitspolitik statt geografischer Schlagworte
Franziska Brantners Aussage über Vilnius und Berlin ist nicht deshalb problematisch, weil Deutschland seine NATO-Verpflichtungen ernst nimmt.
Problematisch ist die politische Vereinfachung.
Die Sicherheit Litauens ist für Deutschland von erheblicher Bedeutung. Aber Vilnius ist nicht Berlin, der Donbass ist nicht das Rheinland und nicht jede Gefährdung der europäischen Sicherheitsordnung bedeutet eine unmittelbar bevorstehende militärische Bedrohung Deutschlands.
Wer diese Unterschiede sprachlich einebnet, riskiert, dass aus strategischer Solidarität eine Politik permanenter Alarmbereitschaft wird.
Besonders fragwürdig erscheint dabei Brantners Versuch, die europäische Verteidigungspolitik mit der innenpolitischen Auseinandersetzung um die AfD zu verbinden.
Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Ihre demokratische Kontrolle darf weder von der politischen Zusammensetzung einer Regierung noch von den Befürchtungen einzelner Parteivorsitzender abhängig gemacht werden.
Vielleicht wäre es an der Zeit, die Sicherheit Deutschlands wieder an konkreten Bedrohungen, überprüfbaren Erkenntnissen und nachvollziehbaren politischen Zielen auszurichten.
Denn eines sollte auch Franziska Brantner wissen:
Eine verantwortungsvolle Verteidigungspolitik wird nicht dadurch besser, dass man die Landkarte Europas mit immer neuen Bedrohungsszenarien überzieht.
Und wer morgen möglicherweise auch noch erklären möchte, die Freiheit Berlins werde am Ural oder in Zentralasien verteidigt, sollte sich vorher fragen, ob politische Glaubwürdigkeit nicht ebenfalls ein schützenswertes Gut ist.
Quellen:
WELT, 04.11.2026: Grünen-Chefin Franziska Brantner über Vilnius, den Donbass und den Rhein
Bundesregierung: Sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den baltischen Staaten, 3. Juli 2026
Schlagworte: Franziska Brantner, Bündnis 90/Die Grünen, Litauen, Vilnius, Bundeswehr, NATO, Russland, Ukraine, Donbass, Verteidigungspolitik, Europäische Verteidigungsunion, Sicherheitspolitik, AfD, Friedenspolitik