Während die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den Aufstieg der AfD philosophiert, liegt eine wesentliche Erklärung längst auf dem Tisch: Jahrzehnte politischer Entscheidungen, gebrochene Versprechen und der Vertrauensverlust in die etablierten Parteien. Wer verstehen will, warum sich Menschen abwenden, muss auch die Regierenden untersuchen.
Die FAZ sucht einen Code. Dabei liegt die Erklärung auf der Hand.
Unter der Überschrift „Der Code der radikalen Rechten“ beschäftigt sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 4. November 2026 mit dem Aufstieg der AfD. Die öffentlich sichtbare Kernthese: Die AfD verspreche politische Souveränität, während andere Parteien auf Verfahren und Verpflichtungen verwiesen.
Interessant formuliert. Doch warum sehnen sich Menschen überhaupt nach anderer Politik? Weil sie Ergebnisse ihrer bisherigen Regierungspolitik erleben. Weil sie sich nicht mehr vertreten fühlen. Weil es ihnen nicht genügt, dass Politiker ihre eigenen Entscheidungen lediglich besser erklären wollen.
CDU, SPD, Grüne und FDP: Wer hat Deutschland regiert?
CDU und CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP haben in wechselnden Koalitionen die Bundespolitik über Jahrzehnte geprägt. Sie bestimmten Energiepolitik, Migration, Wirtschaft und wesentliche finanzpolitische Weichenstellungen. Die Unzufriedenheit damit ist nicht einfach ein Kommunikationsproblem.
Hohe Energiekosten, Investitionsstau, Bürokratie und finanzielle Sorgen vieler Kommunen sind reale politische Herausforderungen. Nicht alles hat eine einzige Ursache, doch die langjährigen Regierungsparteien müssen sich ihre Entscheidungen und Versäumnisse zurechnen lassen. Wer das Land maßgeblich gestaltet hat, kann sich nicht dauerhaft als unbeteiligter Retter präsentieren.
NGOs: Gemeinnützigkeit ersetzt keine Transparenz
Viele Nichtregierungsorganisationen leisten wertvolle Arbeit. Doch sobald öffentliche Mittel fließen, haben Bürger Anspruch auf nachvollziehbare Förderzwecke, Transparenz und wirksame Kontrolle. Bei politisch aktiven Organisationen ist die Abgrenzung zwischen gemeinnütziger Arbeit und parteipolitischer Einflussnahme besonders wichtig.
Die Forderung ist einfach: staatlich finanzierte Projekte müssen überprüfbar sein. Wer politische Kampagnen betreibt, sollte sich Nachfragen zu Herkunft und Verwendung seiner Mittel gefallen lassen. Das ist keine Feindschaft gegen Zivilgesellschaft, sondern ein Grundprinzip verantwortlicher Haushaltsführung.
Warum etablierte Parteien ihre Bedeutung verlieren können
Parteien geraten nicht durch die bloße Existenz einer Konkurrenzpartei in eine Krise, sondern wenn Menschen in ihnen keine glaubwürdige Vertretung mehr erkennen. Wiederholte Reformversprechen ohne erkennbare Ergebnisse kosten Vertrauen. Ausweichende Antworten auf politische Fehlentscheidungen verstärken diesen Effekt.
Die SPD muss erklären, wie sie Arbeitnehmerinteressen vertreten will. Die CDU muss zeigen, was ihr konservatives Profil praktisch bedeutet. Die Grünen müssen sich mit den wirtschaftlichen Folgen ihrer Vorstellungen auseinandersetzen. Die FDP muss wirtschaftsliberale Versprechen an ihrer Regierungsbilanz messen lassen.
Keine Partei ist zum ewigen Fortbestand berechtigt. Ob die etablierten Parteien langfristig verschwinden, ist offen. Aber wenn sie ihre gesellschaftliche Verankerung verlieren und sich nur noch über die Abgrenzung von anderen definieren, wird ihr Niedergang zum selbst verursachten Risiko.
Die FAZ sollte zuerst die Verantwortlichen kritisch untersuchen
Die FAZ hat jedes Recht, die AfD zu kritisieren. Journalismus darf Widersprüche, Risiken und radikale Positionen benennen. Nur muss eine ernsthafte Erklärung des Aufstiegs der AfD auch die Frage stellen, weshalb bisherige Regierungsparteien ihre Wähler enttäuscht haben.
Wer nur die Sprache einer erfolgreichen Oppositionspartei untersucht, während er die politischen Ursachen ihrer Erfolge vernachlässigt, untersucht das Symptom und nicht die ganze Krankheit. Für den intellektuellen Anspruch einer FAZ ist das entschieden zu wenig.
Statt immer neue politische Etiketten zu diskutieren, sollte die Zeitung ihre kritische Energie auf konkrete Entscheidungen und die Verantwortung der vergangenen Jahrzehnte richten. Dort gibt es genug Stoff für scharfe Artikel.
Veränderung ist kein Erfolgsgarant. Stillstand aber auch nicht.
Niemand weiß, ob eine andere Regierung alles besser machen würde. Auch neue politische Kräfte müssen sich an tragfähigen Konzepten und ihren Ergebnissen messen lassen. Aus dieser Unsicherheit folgt aber kein Freibrief für die bisherigen Entscheidungsträger.
Der politische Code lautet: weg von Selbstzufriedenheit, weg von undurchsichtiger Finanzierung politischer Projekte und weg von der Vorstellung, dass CDU, SPD, Grüne und FDP einen Anspruch auf dauerhafte Macht hätten.
Diese Parteien haben Deutschlands Gegenwart maßgeblich gestaltet und müssen sich auch für Probleme verantworten. Die FAZ könnte sich statt der nächsten abstrakten Abhandlung über die AfD einmal die gesamte Regierungsbilanz vornehmen. Für wirklich unbequemen Journalismus wäre das ein lohnender Anfang.
„Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“
Ausgangspunkt: FAZ: „Der Code der radikalen Rechten“ (4. November 2026). Kommentar und politische Meinungsäußerung.
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