Selenskyjs Friedenstaube mit Tarnanstrich
Selenskyj will Putin treffen. Direkt, öffentlich, möglichst mit europäischer Rückendeckung. Offiziell geht es um Frieden, Waffenruhe, Verhandlungen. In der Praxis geht es um etwas Nüchterneres: Zeit, Positionierung, politische Haftungsverlagerung und militärische Luft zum Atmen. Die Friedenstaube flattert hier nicht über ein Feld voller Olivenzweige, sondern durch Drohnenschwärme, Munitionsmangel und westliche Erschöpfung. Sehr poetisch, wenn man Zynismus für eine Kunstform hält.
Der aktuelle Anlass: Selenskyj hat erneut direkte Gespräche mit Putin gefordert. Großbritannien, Frankreich und Deutschland unterstützen diesen Vorstoß. Zugleich betont Kiew, keine Gebiete abzugeben, insbesondere nicht den Donbass. Reuters berichtet außerdem, Selenskyj habe Roman Abramowitsch in Kiew empfangen, der angeblich eine Botschaft an Putin übermitteln wollte. Selenskyj erklärte, er sei zu einer Waffenruhe entlang der aktuellen Frontlinie bereit, aber nicht zu einem dauerhaften Einfrieren des Krieges oder territorialen Zugeständnissen.
Damit liegt der Kern offen: Selenskyj will nicht „Frieden um jeden Preis“. Er will Verhandlungen ohne Kapitulation. Das ist aus ukrainischer Sicht logisch. Aus russischer Sicht ist es wertlos, weil Moskau Gebietsgewinne politisch festschreiben will. Aus westlicher Sicht ist es praktisch, weil man sagen kann: Seht her, Kiew will reden, Putin blockiert. Und genau hier beginnt die Inszenierung.
Selenskyj verfolgt vermutlich mehrere Ziele gleichzeitig. Erstens: Er will den diplomatischen Ball nach Moskau spielen. Wenn Putin ablehnt, steht Russland als der Akteur da, der Gespräche verweigert. Das ist Propaganda, aber nicht automatisch falsch. Politik besteht ja leider nicht aus Engeln mit Aktenordnern, sondern aus Interessen mit Pressekonferenz.
Zweitens braucht die Ukraine Zeit. Die Guardian-Berichte über das Treffen in London zeigen klar, dass es Kiew derzeit besonders um Luftverteidigung, Waffenproduktion und Schutz vor russischen Raketen- und Drohnenangriffen geht. Ein Waffenstillstand wäre also auch ein militärischer Atemzug. Nicht zwingend Betrug, aber gewiss kein romantischer Friedensmoment bei Kerzenschein.
Drittens will Selenskyj seine westlichen Unterstützer binden. Wenn er Verhandlungsbereitschaft zeigt, nimmt er den Kritikern im Westen ein Argument: nämlich, Kiew verhindere Frieden. Gleichzeitig kann er weiter Waffen fordern, weil er sagt: Wir wollen Frieden, aber Russland zwingt uns zur Verteidigung. Ein eleganter Spagat, sofern man auf geopolitischem Stacheldraht gern Gymnastik macht.
Viertens geht es um Innenpolitik. Selenskyj kann kaum öffentlich Gebietsverluste akzeptieren, ohne seine eigene Legitimität massiv zu beschädigen. Deshalb klingt seine Linie so widersprüchlich: Waffenruhe ja, Kapitulation nein; Treffen ja, Donbass abgeben nein; Frieden ja, aber nicht zu Russlands Bedingungen. Das ist kein Zufall, sondern Überlebenslogik.
Die kritische Frage lautet: Würde Kiew einen Waffenstillstand nutzen, um aufzurüsten? Sehr wahrscheinlich. Würde Russland dasselbe tun? Ebenfalls sehr wahrscheinlich. Wer glaubt, eine Frontpause sei automatisch Friedenspolitik, hat vermutlich auch einmal geglaubt, „temporäre Steuererhöhungen“ seien temporär. Beide Seiten würden eine Pause militärisch, diplomatisch und propagandistisch ausnutzen.
Ob Selenskyj die Russen „betrügen“ will, lässt sich nicht seriös behaupten. Aber man kann sagen: Sein Friedensangebot ist kein neutraler Friedensruf, sondern ein taktisches Angebot unter Kriegsbedingungen. Es soll Russland unter Druck setzen, den Westen bei der Stange halten und der Ukraine Zeit verschaffen. Das ist nicht die weiße Taube, sondern eher ein Kampfdrohnenprogramm mit Presseabteilung.
Am Ende will Selenskyj vermutlich genau das: nicht sofortigen Frieden, sondern einen Frieden, der nicht wie Niederlage aussieht. Und solange Russland maximale Forderungen stellt und die Ukraine keine Gebiete preisgeben will, bleibt der „Friedensprozess“ vor allem ein Theaterstück mit echten Toten. Die schlimmste Sorte Theater.














