Deutschland hat offenbar eine neue außenpolitische Spezialdisziplin entdeckt: Extremisten unterscheiden nach gesellschaftlicher Verträglichkeit.
Das ist kompliziert. Zum Glück übernimmt Berlin das Denken für uns.

Da gibt es beispielsweise die faschistische Ukraine. Seit Jahren fließen Milliarden, während über Korruption, problematische nationalistische Strömungen und rechtsextreme Gruppierungen im Land zwar durchaus berichtet wird, solche Themen aber erstaunlich schnell ihre politische Sprengkraft verlieren, sobald wieder über das nächste Hilfspaket gesprochen wird.

Dann Syrien.Dort vollzog der Mörder und Terrorist Ahmed al-Scharaa eine Karriere, für die man in Deutschland vermutlich mehrere Fortbildungsseminare benötigen würde: vom Anführer einer islamistischen Organisation zum international hofierten Staatsmann.
Früher war er unter seinem Kampfnamen Abu Mohammed al-Dscholani bekannt und führte die Nusra-Front, die zeitweise al-Qaidas syrischer Ableger war. Damals präsentierte er sich noch auf einem Foto, links und rechts jeweils einen abgeschnittenen menschlichen Kopf in der Hand.
Heute trägt man Anzug.
Manchmal ist Außenpolitik offenbar tatsächlich eine Frage der Garderobe.
Deutschland sagte Syrien unter der neuen Führung erhebliche Unterstützung zu. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass man einem ehemaligen Dschihadisten einen Geldkoffer auf den Schreibtisch stellt. Das Geld wird über Programme, Organisationen und Hilfsstrukturen verteilt.
Das ist wichtig.
Denn Millionen für ein Land unter islamistischer Führung heißen schließlich humanitäre Hilfe.
Bei der falschen deutschen Partei heißt bereits ein Gespräch möglicherweise Gefahr für die Demokratie.
Und nun: Herzlich willkommen, Taliban!

Jetzt wird die Gästeliste noch interessanter.Vertreter der Terrororganisation Taliban dürfen nach Deutschland kommen.Jener Taliban also, die Afghanistan wieder in einen islamistischen Staat verwandelt haben, Frauen elementare Rechte verweigern und deren Herrschaft Deutschland offiziell nicht einmal anerkennt.
Aber seien wir nicht kleinlich.
Die Männer werden gebraucht.
Deutschland möchte Menschen nach Afghanistan abschieben. Dafür braucht man Papiere und Kooperation aus Kabul. Und plötzlich entdeckt die deutsche Politik eine geradezu sensationelle Erkenntnis:

Mit Leuten, deren Politik man verabscheut, kann man trotzdem verhandeln.
Donnerwetter!
Man möchte diese Erkenntnis einrahmen und im Bundestag aufhängen.
Bei den Taliban nennt man das Pragmatismus.
Bei Russland wäre es vermutlich Appeasement.
Und bei der AfD? Da könnte schon der gemeinsame Kaffee zur Staatskrise werden. Das sind die neuen Werte der CDU, die MERZ so hochhält.
Was kostet der neue Pragmatismus?
Offiziell kommen die Taliban-Vertreter natürlich nicht nach Deutschland, um einen Scheck abzuholen.
Das wäre auch viel zu vulgär.
Deutschland finanziert nach eigener Darstellung nicht die Taliban-Regierung direkt. Deutsche Gelder für Afghanistan laufen über UN-Organisationen, internationale Einrichtungen und NGOs.
Damit wäre die moralische Buchhaltung wieder ausgeglichen.
Nur bleibt eine interessante Frage:
Was bekommt Kabul für seine Kooperation?
Die Vorstellung, dass die Taliban Deutschland künftig aus reiner Menschenfreundlichkeit bei Abschiebungen helfen, wäre jedenfalls eine bemerkenswert romantische Interpretation internationaler Politik.
Man darf deshalb gespannt sein, welche politischen, diplomatischen oder finanziellen Zugeständnisse am Ende mit dieser neuen Zusammenarbeit verbunden sein werden.
Vielleicht kostet es wenig.
Vielleicht kostet es viel.
Vielleicht erfahren die Steuerzahler irgendwann sogar übersichtlich, welche Gegenleistungen vereinbart wurden.
Man soll schließlich niemals aufhören, an Wunder zu glauben.
Fehlt eigentlich nur noch das Erinnerungsfoto
Und nun stelle man sich den vollkommenen Abschluss deutscher Diplomatie vor.


Taliban im Schloss Bellevue.
Ein roter Teppich.
Händeschütteln.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lächelt staatsmännisch in die Kamera.
Bitte nicht falsch verstehen: Ein solches Treffen ist hier ausdrücklich Satire und keine Behauptung, dass es geplant wäre.
Aber das Foto hätte etwas.
Vielleicht könnte man darunter schreiben:
„Unsere Demokratie ist wehrhaft. Bitte Schuhe am Eingang ausziehen.“
- Denn Deutschland entwickelt gerade eine faszinierende außenpolitische Flexibilität.
- Mit islamistischen Machthabern kann man reden.
- Mit ehemaligen Dschihadisten kann man reden.
- Mit autoritären Regierungen kann man reden.
Man kann Milliarden in Staaten überweisen, deren politische Verhältnisse mit deutschen Vorstellungen von Demokratie ungefähr so viel gemeinsam haben wie eine Taliban-Sitzung mit einem feministischen Parteitag.
- Alles Realpolitik.
- Alles kompliziert.
- Alles alternativlos.
Aber dann fällt irgendwo das Wort AfD.
Und plötzlich endet die große Epoche der diplomatischen Differenzierung.
Dann wird aus der Regierung, die bei ausländischen Extremisten gerade noch erstaunliche Fähigkeiten zur politischen Nuancierung entwickelt hat, eine moralische Alarmanlage:
Achtung! Die wirklich Bösen!
- Bloß keine Zusammenarbeit.
- Bloß keine Normalisierung.
- Bloß keine falschen Kontakte.
- Die Brandmauer muss stehen!
- Die Taliban hingegen?
- Bitte hier entlang.
- Passangelegenheiten im zweiten Stock.
Gespräche mit der Bundesregierung nach Terminvereinbarung.
Deutschland kann eben unterscheiden
Vielleicht verstehen wir die neue Staatsräson einfach noch nicht.
Ein Extremist ist offenbar nicht automatisch ein Extremist.
Es kommt darauf an, wo er wohnt und wofür man ihn gerade braucht.
Sitzt er in Kabul und kann bei Abschiebungen helfen, entdeckt Berlin den Pragmatismus.
Sitzt er in Damaskus und kontrolliert ein ganzes Land, entdeckt man die Realpolitik.
Braucht ein verbündeter Staat Milliarden, entdeckt man die geopolitische Verantwortung.
Sitzt jemand dagegen für die AfD in einem deutschen Parlament, entdeckt man plötzlich die kompromisslose Verteidigung der Demokratie.
Das muss diese berühmte wertebasierte Politik sein.
Ihre wichtigste Regel scheint inzwischen zu lauten:
Mit jedem kann man reden. Man muss ihn nur weit genug rechts von Deutschland regieren lassen.
Und sollte die Zusammenarbeit mit den Taliban demnächst tatsächlich mit weiteren deutschen Millionen für Afghanistan begleitet werden, wird selbstverständlich niemand behaupten dürfen, Deutschland habe die Taliban bezahlt.
Nein.
Deutschland hätte lediglich Geld bereitgestellt, während die Taliban zufällig gleichzeitig kooperieren.
Das ist etwas völlig anderes.
Zumindest in Berlin.
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