Es gibt kaum ein Land auf der Welt, das sich derart verbissen mit seiner eigenen Nationalflagge beschäftigt wie Deutschland.
Wer heute durch deutsche Innenstädte läuft, sieht Fahnen aus allen Teilen der Welt. Türkische Fahnen. Syrische Fahnen. Ukrainische Fahnen. Palästinensische Fahnen. Israelische Fahnen. Fahnen von Staaten, Regionen und politischen Bewegungen aller Art.
Und das ist völlig in Ordnung.
Jeder Mensch hat das Recht, seine Herkunft, seine Kultur und seine Identität zu zeigen.
Merkwürdigerweise endet diese Großzügigkeit oft genau dort, wo Schwarz-Rot-Gold beginnt.
Dann wird plötzlich gefragt, warum jemand die deutsche Fahne zeigt. Dann wird analysiert, interpretiert und gemutmaßt. Dann erscheinen besorgte Kolumnen, erhobene Zeigefinger und die üblichen Warnungen vor angeblich gefährlichen Entwicklungen.
Der Deutsche wird dabei regelmäßig zu einer Art Sonderfall erklärt. Während bei jedem anderen Volk nationale Identität als selbstverständlich gilt, soll der Deutsche seine möglichst diskret im Keller aufbewahren.
Das Absurde daran: Viele Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, tun dies gerade deshalb, weil Deutschland lange Zeit erfolgreicher, sicherer, wohlhabender und freier war als ihre Herkunftsländer.
Niemand flieht freiwillig aus einem Paradies.
Menschen verlassen ihre Heimat wegen Krieg, Korruption, Gewalt, Armut, Perspektivlosigkeit, politischer Verfolgung oder staatlichem Versagen. Das ist tragisch und verdient Mitgefühl.
Doch genau deshalb wirkt die deutsche Debatte oft so grotesk.
Wer seine Heimat verlassen musste, darf seine Nationalflagge zeigen. Wer seine Kultur bewahren möchte, darf das tun. Wer stolz auf seine Herkunft ist, wird dafür häufig sogar ausdrücklich gelobt.
Der Deutsche hingegen soll ständig erklären, warum er seine eigene Fahne zeigt.
Als sei Heimatverbundenheit bei allen Menschen ein Menschenrecht, außer bei ihm.
Die Botschaft lautet oft unausgesprochen: Jeder darf stolz auf sein Land sein. Nur der Deutsche sollte vorsichtig sein. Jeder darf seine Identität pflegen. Nur der Deutsche sollte sich dafür rechtfertigen.
Und genau diese Haltung erzeugt den Unmut vieler Menschen.
Nicht die Fahne spaltet.
Nicht Schwarz-Rot-Gold ist das Problem.
Das Problem ist die Doppelmoral.
Denn wer wirklich Vielfalt will, muss auch akzeptieren, dass die deutsche Identität Teil dieser Vielfalt ist.
Wer jede Nationalflagge respektiert, außer der eigenen, hat kein Problem mit Nationalismus.
Er hat ein Problem mit Deutschland.
Und genau darüber sollte man endlich ehrlich sprechen, anstatt bei jeder Gelegenheit wieder den moralischen Zeigefinger auszupacken und Menschen unter Generalverdacht zu stellen, nur weil sie die Fahne ihres eigenen Landes zeigen.











