Menschen lieben einfache Erzählungen: die Guten hier, die Bösen dort, fertig. Die Eigentumsverhältnisse in der Ukraine sind allerdings ein ziemlich undurchsichtiger Mix aus Staat, Oligarchen, ukrainischen Unternehmen und internationalen Investoren. Gerade deshalb lohnt sich die Frage nach den wirtschaftlichen Interessen hinter dem Krieg, auch wenn die Antworten meist deutlich komplizierter ausfallen als politische Parolen.
Die jüngsten Berichte über die schweren Schäden an den Hafenanlagen von Odessa werfen eine Frage auf, die in westlichen Medien erstaunlich selten gestellt wird:
Wem gehören die Güter eigentlich, die dort verladen werden?
Reuters berichtet, dass über die Häfen von Odessa der Großteil der ukrainischen Agrarexporte sowie praktisch das gesamte Eisenerz des Landes verschifft werden. Gleichzeitig erklären Branchenverbände, dass viele Unternehmen ihre finanziellen Reserven aufgebraucht haben und die ständigen Reparaturen nach Angriffen kaum noch stemmen können.
Doch hinter den zerstörten Kränen, Silos und Kaianlagen verbirgt sich eine weit größere Geschichte.
Seit Jahren kaufen internationale Investoren, Agrarkonzerne und Finanzfonds ukrainische Vermögenswerte auf oder beteiligen sich daran. Große Namen wie Cargill, DuPont und andere westliche Agrarunternehmen sind längst keine Fremden mehr in der ukrainischen Landwirtschaft. Sie investieren, finanzieren, handeln und sichern sich langfristige Marktanteile.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel Getreide exportiert wird.
Die eigentliche Frage lautet: Wer kassiert die Gewinne?
Wenn ein ukrainischer Bauer sein Getreide produziert, dieses über von internationalen Konzernen betriebene Logistiksysteme exportiert wird und die Finanzierung ebenfalls aus dem Ausland stammt, bleibt am Ende die Frage, welcher Teil der Wertschöpfung tatsächlich in der Ukraine verbleibt.
Noch interessanter wird die Sache beim Eisenerz.
Die Ukraine verfügt über einige der größten Eisenerzvorkommen Europas. Doch wer kontrolliert heute die Minen, die Förderrechte, die Transportwege und die Exportgeschäfte?
Viele dieser Vermögenswerte befinden sich in den Händen von Oligarchen, internationalen Investoren oder komplexen Beteiligungsgesellschaften. Für den gewöhnlichen Bürger ist kaum noch nachvollziehbar, wem die Rohstoffe tatsächlich gehören und wer letztlich von ihrem Verkauf profitiert.
Während westliche Staaten hunderte Milliarden an Krediten, Hilfen und Waffen bereitstellen, stellt sich daher eine unbequeme Frage:
Werden hier tatsächlich Staaten unterstützt oder werden gleichzeitig Vermögenswerte gesichert, die für internationale Investoren von strategischem Interesse sind?
Die Ukraine kämpft zweifellos um ihr Überleben als Staat. Doch parallel dazu findet ein wirtschaftlicher Umbau statt, der weit über den Krieg hinausreichen wird.
Wer heute die Häfen kontrolliert, kontrolliert morgen die Exporte.
Wer die Exporte kontrolliert, kontrolliert die Einnahmen.
Und wer die Einnahmen kontrolliert, kontrolliert letztlich die Zukunft des Landes.
Deshalb genügt es nicht, nur über zerstörte Hafenanlagen in Odessa zu sprechen.
Man sollte auch darüber sprechen, wem die Güter gehören, die dort verladen werden.
Denn möglicherweise wird nicht nur um Territorium gekämpft.
Möglicherweise wird zugleich um den Besitz eines ganzen Landes gerungen.












