Es muss ein beneidenswert einfaches Leben sein, wenn man Johann Wadephul heißt.
Während Millionen Deutsche unter hohen Energiepreisen, einer schwächelnden Wirtschaft und dem Verlust industrieller Arbeitsplätze leiden, hat Herr Wadephul die Welt offenbar bereits vollständig verstanden. Für ihn scheint die Sache klar zu sein: Wer über bessere Beziehungen zu Russland nachdenkt, biedert sich einem Diktator an. Ende der Debatte. Akte geschlossen. Denken eingestellt.
Dass ein beträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung die Sache möglicherweise etwas differenzierter betrachtet, kommt in diesem Weltbild nicht vor.

Man stelle sich vor: Da gibt es Menschen, die keinen Krieg wollen. Menschen, die lieber Handel als Sanktionen sehen würden. Menschen, die sich an Zeiten erinnern, in denen Deutschland günstige Energie erhielt, die Industrie wettbewerbsfähig war und man nicht jeden Morgen mit neuen Horrormeldungen über wirtschaftliche Schrumpfung aufwachte.
Für Herrn Wadephul offenbar ein höchst verdächtiger Personenkreis.
In seiner Welt scheint Außenpolitik nur aus zwei Kategorien zu bestehen:
Kategorie A: Menschen, die seiner Meinung sind.
Kategorie B: Menschen, die sich einem Diktator anbiedern.
Zwischentöne? Fehlanzeige.
Dabei wirft die Geschichte eine unangenehme Frage auf: Wann ging es Deutschland wirtschaftlich eigentlich besser?
In den Jahren enger wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit Russland oder in den Jahren der politischen und wirtschaftlichen Eiszeit?
Eine Frage, die man durchaus stellen darf, ohne gleich im Kreml einen Zweitwohnsitz zu besitzen.
Besonders bemerkenswert ist die Selbstverständlichkeit, mit der manche Politiker behaupten zu wissen, was angeblich im Interesse Deutschlands liegt.
Die Bürger sollen arbeiten.
Die Bürger sollen zahlen.
Die Bürger sollen frieren, wenn nötig.
Die Bürger sollen Wettbewerbsnachteile akzeptieren.
Und wenn die Bürger anschließend andere außenpolitische Vorstellungen entwickeln als die politische Führung, dann sind natürlich nicht etwa die Politiker von den Bürgern abgekoppelt.
Nein.
Dann haben selbstverständlich die Bürger das Problem.
Das erinnert an einen Arzt, dessen Behandlung den Patienten immer kränker macht und der anschließend erklärt:
„Die Krankheit ist nicht das Problem. Das Problem sind die Patienten, die sich beschweren.“
Während die CDU bundesweit Stimmen verliert und sich viele frühere Wähler anderen Parteien zuwenden, hält man unbeirrt am Kurs fest. Vielleicht handelt es sich um eine moderne Form politischer Meditation:
Wenn man die Realität lange genug ignoriert, verschwindet sie irgendwann von selbst.
Für die Industrie hat das bislang leider nicht funktioniert.
Für die Energiepreise ebenfalls nicht.
Für die Wahlergebnisse auch nicht.
Aber vielleicht braucht die Realität einfach noch etwas Zeit.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Herr Wadephul offenbar überzeugt ist, die Interessen Deutschlands besser zu kennen als Millionen Deutsche selbst.
Eine beeindruckende Leistung.
Normalerweise braucht man für eine solche Gewissheit entweder eine Kristallkugel oder sehr robuste Scheuklappen.
Vielleicht sogar beides.











