Stuttgart 21? Nennen wir es doch gleich Stuttgart 35

Deutschland im Jahr 2026.

Das Land, das einst den Transrapid erfand, Hochgeschwindigkeitszüge in alle Welt exportierte und für Ingenieurskunst bewundert wurde, schafft es seit Jahrzehnten nicht, einen Bahnhof fertigzustellen.

Stuttgart 21 sollte ursprünglich 2021 fertig sein. Der Name war sogar schon vorbereitet. Man musste nur noch bauen.

Nun wird über 2031 gesprochen.

Ein Kind, das bei Baubeginn eingeschult wurde, könnte mittlerweile selbst Bauingenieur werden und die Fertigstellung seines eigenen Arbeitsplatzes erleben.

Das Beeindruckende daran ist nicht die Verspätung. Verspätungen gehören bei der Deutschen Bahn mittlerweile zum Markenkern. Beeindruckend ist vielmehr die Konsequenz, mit der man jede Prognose zuverlässig unterbietet.

Deutschland ist inzwischen das einzige Land der Welt, das seine Großprojekte nicht mehr in Jahren, sondern in Generationen plant.

Während in China zwischen Frühstück und Abendessen eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke entsteht, diskutieren deutsche Projektleiter noch darüber, ob die Genehmigung für den Antrag auf Prüfung des Gutachtens zur Überarbeitung der Vorplanung möglicherweise im Herbst eingereicht werden kann.

Vielleicht.

Unter Vorbehalt.

Falls niemand klagt.

Und falls die zuständige Stelle zuständig ist.

Dabei hören wir täglich, Deutschland müsse die Welt retten.

Wir erklären anderen Staaten, wie sie ihre Wirtschaft organisieren sollen.

Wir erklären anderen Staaten, wie sie ihre Energieversorgung gestalten sollen.

Wir erklären anderen Staaten, wie Infrastruktur funktioniert.

Wir erklären anderen Staaten, wie Digitalisierung geht.

Und wir erklären anderen Staaten sogar, wie Demokratie, Verwaltung und effizientes Regierungshandeln aussehen.

Währenddessen dauert die Eröffnung eines Bahnhofs ungefähr so lange wie früher der Bau einer Kathedrale.

Das eigentliche Wunder von Stuttgart 21 ist deshalb nicht die Architektur.

Das Wunder ist, dass noch jemand überrascht ist.

Denn Stuttgart 21 ist längst kein Bahnhof mehr.

Es ist ein Denkmal.

Ein Denkmal für ein Land, das sich selbst immer noch für den Klassenbesten hält, während es seit Jahren die Hausaufgaben nicht abgegeben hat.

Ein Land mit großen Reden, gewaltigen Ankündigungen und beeindruckenden PowerPoint-Präsentationen.

Nur die Ergebnisse haben leider den Zug verpasst.

Vielleicht sollte man den Bahnhof gar nicht mehr eröffnen.

Vielleicht lässt man ihn einfach als Mahnmal stehen.

Als nationales Museum deutscher Selbstüberschätzung.

Direkt neben dem Eingang könnte ein Schild hängen:

„Hier entsteht seit 2010 die Zukunft Deutschlands.

Voraussichtliche Fertigstellung: wird nachgereicht.“

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