Deutschland im Jahr 2026. Die Bahn schafft es nicht, einen Fahrplan für die kommende Woche zuverlässig einzuhalten. Das Bürgeramt vergibt Termine für den nächsten Reisepass mit etwas Glück noch vor der nächsten Bundestagswahl. Aber bei der russischen Armee scheint man sich bemerkenswert sicher zu sein:
Angriff auf die NATO? Vermutlich 2029.
Fast wirkt es, als läge irgendwo im Bendlerblock bereits die Einladung auf dem Tisch.
„Sehr geehrte NATO-Mitglieder, wir beabsichtigen, am 1. Januar 2029 um 05:45 Uhr mit den Feindseligkeiten zu beginnen. Bitte sorgen Sie für ausreichend Kaffee. Mit freundlichen Grüßen, Moskau.“
Generalinspekteur Carsten Breuer spricht vom Jahr 2029 als möglichem Kulminationspunkt russischer Rüstungsanstrengungen. Das ist zunächst einmal eine militärische Risikoanalyse und damit sein Job. Militärs beschäftigen sich schließlich mit Gefahren und nicht mit Wetterberichten.
Interessant wird es allerdings dort, wo aus einer Möglichkeit beinahe eine Gewissheit wird.
Denn in der öffentlichen Debatte entsteht zunehmend der Eindruck, Russland sitze bereits geschniegelt und geschniegelt an der Startlinie, scharre nervös mit den Hufen und warte nur darauf, endlich den Startschuss Richtung NATO-Grenze zu hören.
Da stellt sich unweigerlich die Frage:
Warum eigentlich?
Russland führt seit Jahren einen verlustreichen Krieg in der Ukraine. Die russische Wirtschaft steht unter Sanktionen. Hunderttausende Soldaten wurden mobilisiert. Die militärischen Ressourcen werden massiv beansprucht.
Und ausgerechnet dieses Land soll in wenigen Jahren beschließen, zusätzlich noch die gesamte NATO herauszufordern?
Also jenes Bündnis, dessen Wirtschaftsleistung ein Vielfaches der russischen beträgt und dessen militärische Fähigkeiten Russland selbst regelmäßig als überwältigend beschreibt?
Das klingt ungefähr so plausibel wie ein Boxer, der nach zwölf Runden gegen einen Gegner spontan beschließt, anschließend noch gleichzeitig gegen die komplette Zuschauertribüne anzutreten.
Natürlich muss sich Deutschland verteidigen können. Natürlich muss eine Armee einsatzbereit sein. Darüber gibt es kaum Streit.
Der eigentliche Streitpunkt ist etwas anderes:
Wird hier nüchtern auf mögliche Gefahren vorbereitet?
Oder wird eine Bedrohung permanent maximal ausgeleuchtet, damit gigantische Aufrüstungsprogramme politisch leichter vermittelbar werden?
Denn plötzlich scheint alles einen militärischen Bezug zu bekommen.
Brücken werden strategisch wichtig.
Autobahnen werden strategisch wichtig.
Krankenhäuser werden strategisch wichtig.
Energieversorgung wird strategisch wichtig.
Der Operationsplan Deutschland, kurz OPLAN, beschreibt Deutschland als logistische Drehscheibe der NATO. Das ist sachlich nachvollziehbar. Schließlich liegt Deutschland geografisch mitten in Europa.
Doch beim Zuhören entsteht manchmal der Eindruck, man bereite sich nicht auf einen theoretischen Ernstfall vor, sondern auf einen fest gebuchten Termin.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Leistung moderner Sicherheitspolitik:
Man definiert ein mögliches Szenario, wiederholt es jahrelang, versieht es mit immer präziseren Jahreszahlen und irgendwann klingt eine Vermutung wie eine Fahrplanauskunft.
2027 heißt es dann vielleicht:
„Die Gefahr wächst.“
2028:
„Die Gefahr wächst weiter.“
2029:
„Die Gefahr ist unmittelbar.“
2030:
„Die Gefahr wurde erfolgreich durch weitere 300 Milliarden Euro verhindert.“
Und falls nichts passiert, gilt das selbstverständlich als Beweis dafür, dass alle Warnungen richtig waren.
Ein bemerkenswertes Geschäftsmodell.
Am Ende bleibt eine einfache Frage:
Wer ständig konkrete Jahreszahlen für zukünftige Kriege nennt, sollte vielleicht auch erklären können, warum Russland genau diesen Wahnsinn begehen würde und welchen strategischen Nutzen Moskau daraus ziehen könnte.
Denn zwischen „Russland könnte irgendwann eine Gefahr darstellen“ und „Russland plant praktisch schon den Angriff“ liegen Welten.
Die erste Aussage ist eine sicherheitspolitische Analyse.
Die zweite klingt eher wie der Trailer für einen Katastrophenfilm, dessen Fortsetzung seit Jahren angekündigt wird, aber irgendwie nie in die Kinos kommt.













