Es ist wieder so weit: Die europäische Grenzschutzagentur Frontex hat mit ernster Miene festgestellt, dass Waffen aus einem gigantischen Kriegsgebiet möglicherweise auf dem Schwarzmarkt landen könnten. Eine Erkenntnis, die ungefähr denselben Überraschungswert besitzt wie die Feststellung, dass Wasser nass ist oder Berliner Flughäfen teuer werden.
Jahrelang wurde alles in Richtung Ukraine gekarrt, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Panzerabwehrwaffen, Sprengstoffe, Sturmgewehre, Munition, Drohnen, Nachtsichttechnik – Milliardenwerte. Die Devise lautete: „Schnell, schnell, Hauptsache liefern!“ Kontrolle? Nachverfolgung? Inventarisierung? Ach was. Bürokratieabbau nennt man das heute vermutlich.
Und nun tritt Frontex vor die Kameras und warnt plötzlich vor Waffenschmuggel. Wirklich? Welch sensationelle kriminalistische Meisterleistung. Vermutlich sitzt dort irgendwo ein Analyst mit zerzausten Haaren vor einer Europakarte und ruft hektisch: „Moment mal… ihr glaubt nicht, was ich gerade herausgefunden habe! Wenn man hunderttausende Waffen in ein korruptionsgeplagtes Kriegsgebiet pumpt, könnten einige davon verschwinden!“
Das erinnert fatal an die Zeit nach dem Jugoslawienkriege. Damals staunte man ebenfalls plötzlich darüber, dass auf einmal Kriegswaffen quer durch Europa auftauchten. Pistolen, Handgranaten, Kalaschnikows – alles verfügbar wie Sonderangebote im Baumarkt. Doch heute spielt man in einer ganz anderen Liga. Die Ware von heute ist moderner, explosiver und deutlich eindrucksvoller.
Denn wer glaubt, die organisierte Kriminalität werde künftig noch mit Brecheisen und selbstgebastelten Rohrbomben hantieren, unterschätzt die kreative Kraft eines völlig entfesselten Schwarzmarktes. Wenn irgendwo Panzerfäuste, militärischer Sprengstoff und moderne Drohnentechnik „versehentlich“ verschwinden, dann endet der klassische Geldautomatensprenger womöglich bald als nostalgische Figur vergangener Tage.
Besonders faszinierend ist dabei die westliche Dauerromantik gegenüber der Ukraine. Jeder Hinweis auf Korruption oder Waffenhandel wurde monatelang behandelt wie Ketzerei. Dabei gehört die Ukraine seit Jahren zu den korruptionsanfälligsten Staaten Europas. Aber nein – selbstverständlich würden dort niemals Waffen verkauft werden. Niemals. Und falls doch, dann natürlich nur aus Versehen. Vielleicht hat die Panzerfaust einfach selbstständig das Lager verlassen.
Und jetzt kommt der eigentliche Höhepunkt dieser europäischen Tragikomödie: Viele dieser Systeme besitzen elektronische Komponenten, teilweise sogar Ortungs- und Verwaltungstechnik. Mit anderen Worten: Man hätte theoretisch erheblich genauer kontrollieren können, wohin bestimmte Systeme verschwinden. Aber Kontrolle hätte bedeutet, unangenehme Fragen stellen zu müssen. Und unangenehme Fragen waren in den vergangenen Jahren offenbar unerwünscht.
Jetzt also Frontex. Die Agentur wirkt dabei ein wenig wie ein Mann, der erst das Fenster einschlägt und anschließend erschrocken meldet, dass es im Haus zieht.
Europa hat über Jahre Sicherheitsrisiken importiert und erklärt nun mit ernster Mine, man müsse wachsam bleiben. Das ist ungefähr so beruhigend wie ein Feuerwehrmann, der nach dem Großbrand mitteilt, dass Feuer „eine gewisse Gefahr darstellen kann“.
Immerhin eines muss man Frontex lassen: Der Zeitpunkt für diese Erkenntnis ist beinahe schon kunstvoll absurd.












