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Koalition der Willigen

Geheimbesuch-k
10 Minuten gelesen

Ein amerikanischer Militärtransporter landet in Moskau. Eine Kolonne von US-Diplomatenfahrzeugen fährt durch die russische Hauptstadt. An Bord beziehungsweise Teil der Mission: CIA-Direktor John Ratcliffe. Washington schweigt. Moskau schweigt. Und ausgerechnet die Ukraine soll während des Besuchs ihre Angriffe aussetzen.

Was geschieht gerade hinter verschlossenen Türen?

CIA-Direktor John Ratcliffe ist zu unangekündigten Gesprächen nach Moskau gereist. CBS News, ABC News und die Washington Post bestätigten den außergewöhnlichen Besuch unter Berufung auf mit der Reise vertraute Personen. Es ist Ratcliffes erster bekannter Besuch in Russland als CIA-Direktor und der erste bekannte Moskau-Besuch eines CIA-Chefs seit William Burns im Jahr 2021.

Schon zuvor hatte eine ungewöhnliche Flugbewegung Aufmerksamkeit erregt: Eine Boeing C-17A Globemaster III der US Air Force flog von der Joint Base Andrews bei Washington zunächst nach Riga und anschließend weiter nach Moskau-Wnukowo. ABC nennt für den Flug das Rufzeichen RCH4555. Parallel dazu wurde in Moskau ein Konvoi mit amerikanischen Diplomatenkennzeichen beobachtet.

Damit ist zumindest klar: Das war kein gewöhnlicher diplomatischer Termin.

Besonders brisant: Washington informierte Kiew vorher

Ein Detail macht den Besuch noch interessanter.

Nach Informationen von CBS teilten die USA der Ukraine vor Ratcliffes Reise mit, dass eine hochrangige amerikanische Delegation nach Moskau reisen werde. Gleichzeitig sei Kiew gebeten worden, Angriffe bis zur Abreise der Delegation auszusetzen.

Warum?

Wenn Ratcliffe ausschließlich über Gefangenenaustausche oder irgendeine technische Geheimdienstfrage sprechen wollte, wäre diese Abstimmung mit der Ukraine zumindest bemerkenswert.

Der Inhalt der Gespräche wurde bislang nicht veröffentlicht. Deshalb beginnt hier zwangsläufig das Reich der Spekulation.

Und die möglichen Szenarien haben es in sich.

Szenario 1: Es geht um den Iran

Eine naheliegende Möglichkeit ist der Iran.

Russland und Iran sind strategisch eng miteinander verbunden, während Washington versucht, Teheran politisch, wirtschaftlich und militärisch unter Druck zu setzen. Reuters verweist ausdrücklich darauf, dass Ratcliffes Besuch vor dem Hintergrund erheblicher Spannungen zwischen Washington, Moskau und Teheran stattfindet.

Möglich wäre also, dass Washington ausloten möchte, welche Rolle Moskau bei einer Eindämmung oder Beendigung des Konflikts mit Iran spielen könnte.

Doch das erklärt die zeitliche Nähe zur Ukraine-Diplomatie nur teilweise.

Szenario 2: Die USA sondieren einen Ukraine-Deal

Das politisch explosivere Szenario lautet:

Washington und Moskau reden bereits direkt darüber, wie dieser Krieg beendet werden könnte.

Nicht öffentlich.

Nicht gemeinsam mit der EU.

Vielleicht nicht einmal unter unmittelbarer Beteiligung der Ukraine.

Dass ausgerechnet der CIA-Direktor reist, wäre dafür keineswegs völlig ungewöhnlich. Geheimdienstchefs werden gerade dann eingesetzt, wenn Regierungen diskrete Kanäle benötigen, über die Dinge besprochen werden können, die noch nicht auf die Tagesordnung eines offiziellen Gipfels gehören.

Und die militärische Situation erhöht den Druck.

Die Ukraine leidet unter einem erheblichen Mangel an Luftverteidigung. Besonders Patriot-Abfangraketen sind knapp, während gleichzeitig auch die amerikanischen und verbündeten Vorräte durch den enormen weltweiten Verbrauch unter Druck geraten. Aktuelle Berichte sprechen von einer erheblichen strategischen Knappheit bei Patriot-Abfangflugkörpern.

Deshalb wäre die Behauptung, USA und Europa seien buchstäblich „blank“, zu pauschal.

Aber die wesentlich interessantere Aussage ist ohnehin eine andere:

Der Westen kann diesen Krieg nicht unbegrenzt mit Material aus vorhandenen Lagerbeständen versorgen.

Produktion braucht Zeit. Moderne Flugabwehrraketen lassen sich nicht wie Konservendosen vom Band schieben. Gleichzeitig konkurrieren Ukraine, Naher Osten und die eigene NATO-Verteidigung um dieselben begrenzten Systeme.

Washington muss also rechnen.

Hat Trump entschieden, dass es reicht?

Donald Trump hat wiederholt versucht, direkte Gesprächskanäle nach Moskau zu öffnen. Sein Sondergesandter Steve Witkoff war bereits mehrfach dort. Die amerikanisch vermittelten Ukraine-Verhandlungen sind zuletzt allerdings weitgehend festgefahren.

Nun schickt Washington nicht irgendeinen Diplomaten.

Es schickt den CIA-Direktor.

Und wenige Tage zuvor fand der ukrainische Unabhängigkeitstag mit europäischen Unterstützern statt, jedoch ohne hochrangige Trump-Gesandte vor Ort.

Zufall?

Möglich.

Aber ebenso möglich ist, dass Washington längst auf einer anderen Ebene arbeitet.

Szenario 3: Washington redet mit Moskau über Europas Kopf hinweg

Das wäre für Brüssel wahrscheinlich die unangenehmste Variante.

Während europäische Regierungschefs weiterhin über Waffenlieferungen, Sicherheitsgarantien und langfristige Unterstützung für die Ukraine diskutieren, könnten die beiden entscheidenden Großmächte längst miteinander ausloten, wie ein Ende des Krieges aussehen könnte.

Dann säße Europa möglicherweise nicht am Verhandlungstisch, sondern wartete draußen auf das Ergebnis.

Das wäre politisch verheerend.

Denn Europa hat Milliarden investiert, Sanktionen beschlossen, seine Energiepolitik umgebaut und seine sicherheitspolitische Zukunft eng mit dem Ausgang dieses Krieges verbunden.

Und nun könnten Washington und Moskau zu dem Ergebnis kommen, dass ihre eigenen Interessen einen Deal verlangen.

Nicht die Interessen Brüssels.

Nicht die Wünsche der „Koalition der Willigen“.

Sondern amerikanische und russische Interessen.

Wird hier bereits ein geheimer Frieden vorbereitet?

Dafür gibt es derzeit keinen Beweis.

Aber es gibt ungewöhnliche Indizien.

Ein CIA-Direktor reist unangekündigt nach Moskau.

Ein amerikanischer Militärtransporter fliegt von Andrews über Riga nach Wnukowo.

Eine amerikanische Diplomatenkolonne bewegt sich durch Moskau.

Washington informiert Kiew vorher über die Delegation.

Und die Ukraine wird nach CBS-Informationen gebeten, während des Aufenthalts keine Angriffe durchzuführen.

Das alles kann vollkommen andere Gründe haben.

Gefangenenaustausch.

Iran.

Geheimdienstkontakte.

Warnungen vor einer Eskalation gegenüber der NATO.

Oder eben Ukraine.

Vielleicht wird hinter verschlossenen Türen bereits darüber gesprochen, wie dieser Krieg beendet werden kann.

Szenario 4: Es geht gar nicht um Frieden – sondern um die Grenzen des Krieges

Eine weitere Möglichkeit ist vielleicht sogar die nüchternste:

Ratcliffe ist nicht nach Moskau gereist, um einen Frieden auszuhandeln. Washington und Moskau könnten vielmehr versuchen, die Grenzen ihrer Konfrontation neu abzustecken.

Das würde bedeuten: Der Krieg geht weiter, aber beide Großmächte verständigen sich darauf, was keinesfalls passieren darf.

Und dafür gibt es gleich zwei gewaltige Schauplätze: die Ukraine und den Iran.

Die USA könnten Russland klarmachen, welche russische Unterstützung für Iran Washington noch hinnimmt und wo amerikanische rote Linien beginnen. Umgekehrt könnte Moskau deutlich machen, welche amerikanischen oder ukrainischen Handlungen Russland als unmittelbare Eskalation betrachtet.

In der Ukraine könnte es um dieselbe Logik gehen.

Welche Ziele innerhalb Russlands dürfen mit westlicher Unterstützung angegriffen werden? Welche Waffen dürfen eingesetzt werden? Wie weit darf die NATO bei Aufklärung und Zielunterstützung gehen? Welche russischen Reaktionen würden wiederum eine direkte amerikanische oder europäische Reaktion auslösen?

Das Ziel wäre dann nicht Frieden.

Das Ziel wäre ein kontrollierter Krieg.

Gerade die amerikanische Bitte an Kiew, während des Aufenthalts der US-Delegation auf bestimmte Angriffe gegen russisches Territorium zu verzichten, passt zumindest in dieses Bild.

Washington und Moskau könnten versuchen, einen gefährlichen Zustand zu stabilisieren: Man bleibt Gegner, unterstützt weiterhin unterschiedliche Seiten und führt möglicherweise sogar Stellvertreterkonflikte fort, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass daraus keine direkte militärische Konfrontation zwischen Russland und den Vereinigten Staaten entsteht.

Das wäre zynisch, aber in der Geschichte der Großmächte keineswegs ungewöhnlich.

Zwei Kriege, dieselbe rote Linie

Besonders interessant ist dabei die Verbindung zwischen Ukraine und Iran.

Russland unterstützt Iran politisch und strategisch. Die Vereinigten Staaten stehen auf der anderen Seite. Gleichzeitig unterstützen die USA die Ukraine gegen Russland.

Damit existieren inzwischen zwei Konflikträume, in denen Washington und Moskau einander gefährlich nahekommen.

Vielleicht lautet die Botschaft deshalb schlicht:

Bis hierhin und nicht weiter.

Ihr unterstützt Iran, aber nicht so weit, dass amerikanische Streitkräfte unmittelbar mit Russland konfrontiert werden.

Wir unterstützen die Ukraine, aber nicht so weit, dass daraus ein direkter Krieg zwischen NATO und Russland entsteht.

Dann wäre Ratcliffes Mission keine Friedensmission, sondern eine Deeskalationsmission zwischen zwei Atommächten.

Der Krieg in der Ukraine könnte weitergehen.

Der Konflikt mit Iran könnte weitergehen.

Menschen würden weiterhin sterben.

Aber Washington und Moskau hätten sich darüber verständigt, wie verhindert werden soll, dass daraus der ganz große Krieg entsteht.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Zweck von Geheimdiplomatie

Dafür würde auch die Wahl des Gesprächskanals sprechen.

Ein CIA-Direktor kann Dinge besprechen, die ein Außenminister kaum öffentlich verhandeln könnte. Geheimdienste können rote Linien definieren, Warnungen übermitteln, Informationen austauschen und Eskalationsmechanismen besprechen, ohne dass anschließend ein gemeinsames Kommuniqué veröffentlicht werden muss.

Der Wall Street Journal berichtet tatsächlich über die Möglichkeit, Ratcliffe könne Moskau eine amerikanische Warnung vor weiterer Eskalation überbracht haben. Auch der Iran wird ausdrücklich als mögliches Gesprächsthema genannt.

Damit bekommt der geheimnisvolle Besuch eine vollkommen andere Bedeutung.

Vielleicht geht es weder um Kapitulation noch um einen großen Friedensvertrag.

Vielleicht geht es um etwas viel Pragmatischeres:

Washington und Moskau könnten gerade Regeln dafür festlegen, wie weit ihre Konfrontation gehen darf.

Das wäre einerseits beruhigend, weil eine direkte Konfrontation zwischen zwei Atommächten verhindert werden soll.

Andererseits wäre es für die Ukraine eine ausgesprochen bittere Nachricht.

Denn dann hieße die Botschaft nicht:

Der Krieg soll enden.

Sondern:

Der Krieg darf weitergehen, solange er unter Kontrolle bleibt.

Und was bedeutet das für Europa?

Hier wird es richtig interessant.

Sollten Trump und Putin tatsächlich beginnen, die Grundzüge einer Friedensordnung direkt miteinander auszuhandeln, würde Europa vor einer äußerst unangenehmen Erkenntnis stehen:

Man kann jahrelang von „europäischer Führungsverantwortung“ reden und trotzdem feststellen, dass über Krieg und Frieden am Ende Washington und Moskau miteinander sprechen.

Vielleicht ist Ratcliffes Besuch nur ein geheimdienstlicher Termin.

Vielleicht geht es hauptsächlich um Iran.

Vielleicht geht es um Gefangene.

Vielleicht überbringt er eine Warnung.

Vielleicht aber beginnt gerade jene diplomatische Phase, von der die Öffentlichkeit erst erfahren wird, wenn die wichtigsten Entscheidungen längst gefallen sind.

Und angesichts der militärischen Lage der Ukraine, knapper westlicher Munitionsbestände und einer Trump-Regierung, die erkennbar andere Prioritäten setzt als viele europäische Regierungen, ist zumindest die Frage erlaubt:

Wird in Moskau gerade heimlich das Ende des Ukraine-Krieges vorbereitet?

Noch wissen wir es nicht.

Aber eines ist nach diesem ungewöhnlichen Besuch ziemlich sicher:

Zwischen Washington und Moskau wird wieder auf höchster Ebene geredet. Und möglicherweise ist das wichtiger als sämtliche öffentlichen Durchhalteparolen aus Brüssel.

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SCHEINHEILIG
12 Minuten gelesen

Deutschland spricht von Sicherheit, betreibt Aufrüstung und wundert sich über fehlendes Vertrauen

Bundeskanzler Friedrich Merz möchte Russland offenbar erklären, welche Sicherheitsordnung es künftig zu akzeptieren hat. Nach einem Treffen der sogenannten „Koalition der Willigen“ stellte er klar, dass Sicherheitsgarantien für die Ukraine von Kiew und seinen westlichen Partnern festgelegt würden, nicht von Moskau.

Das klingt entschlossen. Vielleicht sogar staatsmännisch, solange man nicht länger als zehn Sekunden darüber nachdenkt.

Denn eine Sicherheitsordnung, die eine unmittelbar beteiligte Kriegspartei und europäische Atommacht demonstrativ ausschließt, ist keine Friedensordnung. Sie ist eine einseitige militärische Konstruktion, deren Durchsetzung im Zweifel wiederum militärische Gewalt erfordert.

Russland muss nicht darüber entscheiden dürfen, ob die Ukraine als Staat existiert, mit wem sie Handel treibt oder welche Regierung sie wählt. Sehr wohl aber wird Russland Teil jeder belastbaren Vereinbarung sein müssen, die Truppenstationierungen, Militärbasen, Raketenstellungen, NATO-Strukturen und ausländische Streitkräfte unmittelbar an seiner Grenze betrifft.

Das ist keine Anerkennung eines russischen Vetorechts über die Ukraine. Es ist schlichte geopolitische Realität. Diese Realität scheint im Berliner Regierungsviertel allerdings zunehmend als lästiges Hindernis empfunden zu werden.

Frieden nur zu unseren Bedingungen

Die europäische Verhandlungsformel lautet inzwischen sinngemäß: Russland soll die Kampfhandlungen einstellen, die westlichen Bedingungen akzeptieren und anschließend schweigend zusehen, wie die Ukraine weiter bewaffnet, militärisch ausgebildet und in westliche Sicherheitsstrukturen eingebunden wird.

Das wird in Berlin offenbar für Diplomatie gehalten.

Tatsächlich handelt es sich um die Forderung nach einer russischen Kapitulation, nur mit freundlicherem Vokabular. Ein Waffenstillstand soll gelten, die grundlegenden Konfliktfragen sollen aber möglichst nicht verhandelt werden. Russlands Forderungen nach einem Ausschluss einer ukrainischen NATO-Mitgliedschaft und nach dem Verzicht auf ausländische Militärbasen werden nicht als Verhandlungsposition behandelt, sondern als unzulässige Anmaßung abgetan.

Man muss diese Forderungen keineswegs für gerecht oder legitim halten. Man muss jedoch begreifen, dass ein Krieg nicht dadurch beendet wird, dass man die Interessen des Gegners für moralisch unerheblich erklärt.

Frieden entsteht nicht zwischen Freunden. Frieden muss mit dem Gegner vereinbart werden. Wer den Gegner aus den Gesprächen über die künftige Sicherheitsordnung ausschließen will, plant keinen Frieden. Er plant eine Ordnung, die dem Gegner aufgezwungen werden soll.

Ausgerechnet Deutschland verlangt Vertrauen

Besonders bemerkenswert ist, dass Deutschland sich dabei als Architekt einer künftigen europäischen Sicherheitsordnung präsentiert.

Aus russischer Sicht dürfte gerade die deutsche Politik derzeit kaum Vertrauen hervorrufen. Berlin liefert Waffen, finanziert die ukrainische Kriegsführung, unterstützt Sanktionen, diskutiert über weitreichende Waffensysteme, beteiligt sich an militärischen Planungen und tritt zunehmend mit einer Sprache auf, die nur noch entfernt an diplomatische Zurückhaltung erinnert.

Der Begriff „kriegslüstern“ ist hart. Angesichts der öffentlichen Begeisterung mancher deutscher Politiker für immer neue Waffenpakete, Reichweiten, Abschreckungsszenarien und militärische Optionen ist er jedoch nicht einfach aus der Luft gegriffen.

Die politische Diskussion dreht sich kaum noch darum, wie das Töten beendet werden könnte. Sie dreht sich darum, welche Waffen noch fehlen, welche Reichweite noch nicht ausreicht und welche rote Linie als Nächstes verschoben werden kann.

Diplomatie gilt als verdächtig. Verhandlungen werden beinahe mit Unterwerfung gleichgesetzt. Wer vor Eskalation warnt, muss sich rechtfertigen. Wer Milliarden für Rüstung fordert, darf sich hingegen als verantwortungsvoller Realist inszenieren.

So verschieben sich Maßstäbe, wenn Kriegspolitik zur moralischen Tugend erklärt wird.

Die neue deutsch-französische Nuklearpartnerschaft

Noch schwerer wiegt die jüngst vertiefte Zusammenarbeit Deutschlands und Frankreichs im Bereich der nuklearen Abschreckung.

Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatten bereits im März 2026 eine engere Kooperation auf diesem Gebiet vereinbart. Im Juli wurde diese Zusammenarbeit weiter konkretisiert. Deutsche Soldaten sollen erstmals an einer französischen Nuklearübung teilnehmen. Beide Regierungen sprechen von engerer Abstimmung, gemeinsamen Übungen und vertiefter Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung. Frankreich bleibt dabei die einzige Atommacht innerhalb der Europäischen Union.

Die Bundesregierung präsentiert dies als Ergänzung zur nuklearen Abschreckung der NATO. Politisch bedeutet es dennoch einen tiefen Einschnitt: Deutschland beteiligt sich erstmals unmittelbar an französischen Nuklearmanövern und bindet sich damit enger an die atomare Strategie von Paris. Die Bezeichnung als faktisches europäisches Atomwaffenbündnis ist daher zumindest als politische Bewertung nachvollziehbar, auch wenn Deutschland dadurch keine eigene Verfügungsgewalt über französische Atomwaffen erhält.

Für Vertrauen soll das sorgen?

Deutschland erklärt Russland, es habe bei den Sicherheitsgarantien für die Ukraine nichts mitzureden, während Berlin gleichzeitig seine Beteiligung an der europäischen nuklearen Abschreckung ausbaut. Man diskutiert über ausländische Truppen in der Ukraine, mögliche Luftsicherungsmodelle, weitreichende Waffen und neue militärische Infrastruktur. Gleichzeitig erwartet man von Moskau, all dies nicht als Bedrohung zu verstehen.

Diese Erwartung ist entweder naiv oder unehrlich.

Kein deutscher Politiker würde russische Truppen, Raketenstellungen oder Militärbasen in einem Nachbarland Deutschlands als bedeutungslose souveräne Entscheidung dieses Landes behandeln. Man würde von einer dramatischen Veränderung der europäischen Sicherheitslage sprechen. Man würde Krisengipfel einberufen, Truppen verlegen und weitere Rüstungsausgaben verlangen.

Was für Deutschland als elementares Sicherheitsinteresse gilt, soll Russland jedoch nicht einmal als Gesprächsgegenstand zugestanden werden.

Abschreckung ersetzt keine Diplomatie

Befürworter der neuen Nuklearkooperation werden einwenden, Abschreckung verhindere Kriege. Das kann unter bestimmten Bedingungen zutreffen. Abschreckung funktioniert jedoch nur, wenn sie von Kommunikation, Berechenbarkeit und diplomatischen Kanälen begleitet wird.

Wird jede neue Aufrüstung automatisch als Beitrag zum Frieden bezeichnet, verliert der Begriff Frieden seine Bedeutung.

Atomwaffen sind keine besonders überzeugenden Friedensbotschafter. Sie beruhen auf der glaubhaften Androhung, im äußersten Fall Millionen Menschen zu töten. Wer seine nukleare Zusammenarbeit ausbaut, sollte deshalb wenigstens darauf verzichten, sich gleichzeitig als vollkommen unbeteiligter Hüter einer moralisch reinen Friedensordnung darzustellen.

Berlin und Paris stärken derzeit nicht nur ihre Verteidigungskooperation. Sie sprechen über nukleare Abschreckung, Frühwarnsysteme, Raketenabwehr und weitreichende Angriffsfähigkeiten. Nach dem Scheitern gemeinsamer Großprojekte soll die militärische Partnerschaft durch neue Vorhaben wiederbelebt werden.

All das mag aus westlicher Sicht strategisch begründbar sein. Es ist jedoch absurd, zu behaupten, diese Entwicklung könne auf russischer Seite keinerlei legitime Sicherheitsbedenken auslösen.

Die Lehre aus Minsk

Hinzu kommt das zerstörte Vertrauen infolge der Minsker Vereinbarungen.

In Russland hat sich die Überzeugung verfestigt, dass die Vereinbarungen nicht ernsthaft zur dauerhaften Befriedung des Konflikts genutzt wurden, sondern vor allem dazu dienten, Zeit für die militärische Stärkung der Ukraine zu gewinnen. Äußerungen westlicher Politiker, darunter Angela Merkel, wurden in Moskau genau in diesem Sinne interpretiert.

Ob diese Interpretation sämtliche politischen Absichten korrekt wiedergibt, ist für die gegenwärtige Lage fast zweitrangig. Entscheidend ist, dass Vertrauen nicht allein davon abhängt, was eine Seite nachträglich gemeint haben will. Vertrauen hängt auch davon ab, wie ihr Handeln von der anderen Seite wahrgenommen wurde.

Ein neues Abkommen, das erneut lediglich einen Waffenstillstand vorsieht, während die Ukraine weiter aufgerüstet und militärisch in den Westen integriert wird, dürfte deshalb in Moskau kaum als Friedensangebot betrachtet werden.

Merz verlangt damit im Grunde, Russland solle noch einmal demselben Modell zustimmen, dem es inzwischen grundsätzlich misstraut.

Ausländische Truppen wären keine neutrale Garantie

Besonders gefährlich ist die Debatte über die Stationierung europäischer Streitkräfte in der Ukraine.

Westliche Regierungen könnten solche Truppen als Friedenssicherung oder Sicherheitsgarantie bezeichnen. Russland würde sie mit hoher Wahrscheinlichkeit als direkte militärische Beteiligung betrachten. Sprache verändert keine militärischen Tatsachen.

Ein französischer, britischer oder deutscher Soldat in der Ukraine bleibt aus russischer Sicht ein Soldat eines NATO-Staates. Eine westliche Luftwaffenbasis bleibt eine militärische Einrichtung. Eine Fabrik zur Herstellung von Drohnen oder Raketen bleibt Teil der ukrainischen Kriegswirtschaft und damit ein mögliches Angriffsziel.

Die „Koalition der Willigen“ hält ihre ersten Übungen bezeichnenderweise nicht in der Ukraine, sondern in Polen ab. Das zeigt, dass die beteiligten Regierungen das Risiko durchaus erkennen. Sie wissen, dass die Stationierung westlicher Truppen in der Ukraine eine neue Eskalationsstufe darstellen würde.

Trotzdem wird öffentlich so getan, als ließe sich diese Eskalation durch die Bezeichnung „Sicherheitsgarantie“ unschädlich machen.

Der Krieg ist allerdings kein Seminar für politische Sprachregelungen. Eine Rakete interessiert sich nicht dafür, wie das Ziel zuvor in einer Presseerklärung bezeichnet wurde.

Sicherheitsgarantie oder Aufrüstungspause?

Russland dürfte außerdem befürchten, dass ein Waffenstillstand lediglich dazu genutzt würde, die ukrainischen Streitkräfte neu zu organisieren, zu bewaffnen und auf eine spätere Fortsetzung des Krieges vorzubereiten.

Diese Befürchtung kann man für überzogen halten. Nach den Erfahrungen mit Minsk kann man aber nicht ernsthaft behaupten, sie sei vollkommen unverständlich.

Wenn Europa einen Waffenstillstand fordert, gleichzeitig aber langfristige Waffenlieferungen, militärische Ausbildungsprogramme, Rüstungsfabriken und ausländische Truppen plant, entsteht zwangsläufig der Verdacht, dass keine dauerhafte Friedensordnung vorgesehen ist, sondern eine strategische Pause.

Auch deshalb kann Russland nicht einfach aus den Verhandlungen über Sicherheitsgarantien ausgeschlossen werden. Garantien sind nur dann etwas wert, wenn alle Seiten wissen, was sie garantieren, welche Handlungen verboten sind und welche Konsequenzen bei Verstößen eintreten.

Ein einseitiges westliches Versprechen an die Ukraine ist noch kein europäisches Sicherheitssystem.

Sanktionen als Ersatzreligion

Ähnlich realitätsfern wirkt die fortgesetzte Hoffnung, neue Sanktionen würden Russland irgendwann zum vollständigen Einlenken zwingen.

Die Sanktionen haben Russland wirtschaftlich belastet. Sie haben Handel, Investitionen und technologische Entwicklung erschwert. Doch der häufig angekündigte wirtschaftliche Zusammenbruch ist ausgeblieben. Russland hat Handelsströme verlagert, neue Partner gesucht und Teile seiner Wirtschaft auf die Kriegsproduktion ausgerichtet.

Europa reagiert darauf mit noch mehr Sanktionen, weil offenbar niemand zugeben möchte, dass ein Instrument mit begrenzter Wirkung nicht durch endlose Wiederholung automatisch wirksamer wird.

Währenddessen kämpfen europäische Staaten mit wirtschaftlicher Stagnation, hohen Energiepreisen, wachsender Verschuldung, Arbeitsplatzverlusten und maroder Infrastruktur. Trotzdem wird jede zusätzliche Milliarde für den Krieg als alternativlos bezeichnet.

Für Schulen, Straßen, Brücken, Krankenhäuser und Pflege fehlt angeblich das Geld. Für Waffen, Munition, Rüstungsbeteiligungen und geopolitische Großprojekte öffnet sich dagegen zuverlässig ein weiteres Sondervermögen.

Der Bürger soll sparen, während der Staat Weltpolitik auf Kredit betreibt. Diese Form der politischen Buchführung wäre beinahe komisch, würden ihre Folgen nicht von Menschen bezahlt, die an der Front sterben oder zu Hause ihren Lebensstandard verlieren.

Deutschland ist nicht neutral

Berlin sollte sich endlich von der Vorstellung verabschieden, es könne gleichzeitig Kriegspartei im politischen Sinne, wichtigster europäischer Waffenlieferant und neutraler Architekt einer Friedenslösung sein.

Deutschland unterstützt eine Seite des Krieges umfassend. Es trifft damit eine politische Entscheidung, zu der man stehen kann. Doch gerade deshalb kann Berlin nicht erwarten, von Russland als vertrauenswürdiger und unvoreingenommener Vermittler betrachtet zu werden.

Wer Waffen liefert, Sanktionen fordert, russische Vermögenswerte nutzen will, über Truppenstationierungen diskutiert und zugleich eine nukleare Partnerschaft mit Frankreich vertieft, betreibt keine neutrale Friedenspolitik.

Er betreibt Bündnispolitik.

Auch Bündnispolitik kann legitim sein. Unehrlich wird es dort, wo Aufrüstung als Diplomatie und Eskalation als Friedensdienst verkauft werden.

Die Ukraine zahlt den Preis

Die größte Tragik liegt darin, dass diese Politik nicht von jenen bezahlt wird, die sie in Berlin, Paris oder Brüssel verkünden.

Sie wird von ukrainischen Soldaten bezahlt, die sterben oder verstümmelt werden. Sie wird von russischen Soldaten bezahlt. Sie wird von Familien bezahlt, die Angehörige verlieren. Sie wird von Flüchtlingen, Witwen, Kindern und einer zerstörten Generation getragen.

Je länger Europa maximalistische Forderungen erhebt, ohne eine realistische politische Lösung anzubieten, desto länger geht das Sterben weiter.

Dabei ist die unbequeme Wahrheit längst sichtbar: Die Ukraine kann Russland offenbar nicht militärisch besiegen, ohne dass der Westen selbst immer tiefer in den Krieg eintritt. Ein direkter Krieg zwischen NATO und Russland wiederum wäre kein regionaler Konflikt mehr, sondern eine mögliche europäische Katastrophe mit nuklearem Eskalationspotenzial.

Trotzdem nähert sich die politische Diskussion dieser Grenze Schritt für Schritt. Jede einzelne Entscheidung wird als begrenzt, defensiv und alternativlos bezeichnet. Erst kommen Waffen, dann schwerere Waffen, dann größere Reichweiten, dann Berater, Übungen, Produktionsanlagen, Sicherheitsgarantien und möglicherweise Truppen.

Eskalation geschieht selten mit einem einzigen großen Sprung. Sie geschieht in vielen kleinen Schritten, von denen jeder angeblich vollkommen ungefährlich ist.

Vertrauen entsteht nicht durch Drohungen

Merz hat recht, wenn er sagt, dass die Ukraine über ihre Zukunft mitentscheiden muss. Er irrt jedoch, wenn er daraus ableitet, Russland könne aus der künftigen Sicherheitsordnung ausgeschlossen werden.

Die Ukraine braucht Sicherheitsgarantien. Russland braucht ebenfalls die Gewissheit, dass die Ukraine nicht zum vorgeschobenen westlichen Militärstandort ausgebaut wird. Europa braucht Schutz vor einem neuen Krieg. Und alle Seiten brauchen überprüfbare Regeln, Begrenzungen, Kontrollmechanismen und diplomatische Kanäle.

Eine solche Ordnung wird schmerzhafte Kompromisse verlangen.

Doch Deutschland scheint derzeit nicht nach Kompromissen zu suchen. Es setzt auf Waffenlieferungen, Sanktionen, militärische Bündnisse, Truppenmodelle und nun auf eine vertiefte Zusammenarbeit mit Frankreich bei der nuklearen Abschreckung.

Anschließend erklärt Berlin, Russland müsse Vertrauen haben und dürfe bei den Sicherheitsgarantien nicht mitreden.

Politik kann widersprüchlich sein. Diese Widersprüchlichkeit aber ist gefährlich.

Wer Frieden will, muss Sicherheitsinteressen verhandeln. Wer Aufrüstung will, muss wenigstens ehrlich sagen, dass er auf Abschreckung und militärische Stärke setzt. Wer jedoch ständig von Frieden spricht, während er immer neue Eskalationsstufen vorbereitet, zerstört genau das Vertrauen, ohne das kein Frieden möglich sein wird.

Deutschland sollte sich deshalb entscheiden, welche Rolle es spielen will: Vermittler oder militärischer Vormund Europas.

Beides zugleich funktioniert nicht.

Und wer glaubt, eine europäische Friedensordnung gegen Russland, ohne Russland und notfalls mit nuklearer Drohkulisse errichten zu können, baut keine Friedensordnung.

Er entwirft lediglich den politischen Rahmen für den nächsten Krieg.

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